Früher war alles besser

„Nicht schon wieder!“ Werner verdreht die Augen, als er den Satz leise vor sich hin sagt. „Dieser Scheißapparat hat sich aufgehängt,“ ergänzt er, als würde er zu sich selbst sprechen. Ein Mann sieht ihn zuerst erstaunt an, dann grinst er. „Das blöde Ding hat wie immer Schluckauf!“

Werner steht mit einem großen Sack voller Kunststoffleergutflaschen vor dem Pfandautomaten. Nach der Aufnahme von gut zwanzig Flaschen hat das Gerät nun einen Aussetzer. Die Leuchtdiode über dem Loch zum Einlegen der Flaschen ist von grün auf rot gewechselt. Ein Blinklicht am Gerät blitzt in Intervallen wie die Warnleuchte einer Alarmanlage. Auf dem Display steht in Großbuchstaben das Wort „Störung“, darunter kaum lesbar noch der Hinweis, man solle das Personal verständigen.

„Es kommt schon jemand!“ ruft die junge, zierliche Frau an der Kasse Werner zu. Er schaut zu ihr hinüber, gut fünf Meter liegen zwischen beiden. Eine junge Türkin, ausgesprochen hübsch, hellbrauner Teint, akzentfreies Deutsch. Früher hätte es das nicht gegeben, denkt Werner. Mit einem halb vollen Plastiksack in seinen Händen sowie einem noch vollen im Einkaufswagen schaut er sich um.

Noch sieht er niemanden, der sich um den Apparat kümmern würde. Dies war heute schon der dritte Laden, den er ansteuerte. Und der erste, in dem es zu Problemen kam. Aufsehen erregen will Werner aber weder in diesem Supermarkt, noch wollte er das in denen, die er zuvor besucht hatte – und er will es auch nicht in jenen, die er heute noch aufsuchen wird.

Werner sieht nicht unbedingt so aus wie die Typen, die Pfandflaschen sammeln, Altglascontainer und Mülltonnen durchwühlen. Auch wenn ihm sein Job heute manchmal krisensicher vorkommt. Zugleich muss er nun daran denken, wie tief er gesunken ist, eine Art sozialer Abstieg. Werner erinnert sich daran, wie er früher Keller oder Rohbauten aufgebrochen hatte, Werkzeuge, Elektrogeräte und Fahrräder stahl.

Alles versetzt bei anständigen Hehlern, die ihren Beruf sauber ausübten. Und er denkt an jene Tage, in denen er reihenweise mit seinem Sohn Autos geknackt und beispielsweise Autoradios ausmontiert und verhökert hat. Ganz zu schweigen von den Jahren, als sie in Häuser eingebrochen waren und manchmal sogar Kunstwerke abstaubten, die einiges an Wert besaßen.

Heute war im Gewerbe alles problematischer geworden. Banden hatten sich etabliert. Die Polizei hielt Kontrolltage ab, an denen sie an Straßenecken herumlungerten und rechtschaffene Bürger aus dem Verkehr zogen. Klassisches Aufbrecherwerkzeug im Auto? Registriert! Diebesgut dabei? Knast!

Und die PKW brachen heute oft nur noch Teenager auf. Nicht mehr auf die feine Art, wie es ihn noch sein Vater gelehrt hatte, also die Tür beziehungsweise das Schloss knacken. Die Rotzlöffel und Bengel schlugen einfach die Scheiben ein, filzten Kameras, Mobiltelefone oder Laptops, die die Besitzer in Rucksäcken und Taschen liegen gelassen hatten. Dann gaben sie Fersengeld und versuchten das Zeug über windige Gebrauchtwarenhändler abzusetzen.

Für einen redlichen Einbrecher und Dieb wie ihn war das Leben heute härter geworden, der Konkurrenzdruck wuchs beständig. Sein Sohn, dachte Werner, hatte sich schon sehr früh mit Internetbetrug beschäftigt. Heute verdiente er damit sein Geld, oft genug ohne überhaupt sein Zimmer verlassen zu müssen. Er bestellte sich fettige Pizza und kalorienreiche Cola über das Internet, Boten lieferten ihm das Zeug ins Haus. Unterdessen sah man Thomas an, dass er sehr erfolgreich in seinem Beruf geworden war.

Werner selbst brach nur noch selten ein. Und hat unterdessen ein Herz für den Umweltschutz entdeckt. Wo, denkt er und hält immer noch den Sack mit den Flaschen in seiner Hand, käme man heute hin, ohne das Dosenfand, das Gott sei Dank auch auf Kunststoffeinwegflaschen gilt? Niemand hätte früher Kisten und Glasflaschen geklaut, viel zu schwer und viel zu wenig Pfand drauf.

Erst vor wenigen Tagen war er in einen Getränkemarkt eingestiegen und hatte einen Container auf dessen Gelände geknackt. Werner wusste schon länger, dass darin regelmäßig die Pfandflaschen lagerten. Beute: fünfzehn Plastiksäcke voller Leergut. Nahezu federleicht zu transportieren. Allerdings, denkt Werner, während er weiter wartet: das Versetzen des Diebesgutes ist und bleibt ein erniedrigender Akt!

Früher saß man noch gesittet mit den Hehlern beisammen, diskutierte kurz über das Geschäft und die große Politik, trank einen Kaffee oder ein Bier zusammen und rauchte gemeinsam ein, zwei Zigaretten. Dann wechselten Diebesgut und Geld den Besitzer, per Handschlag wurde der Deal besiegelt.

„Was hat er denn?“ Werner zuckt sichtbar erschrocken zusammen. Er war so in Gedanken gewesen, dass er den Mitarbeiter des Supermarktes nicht hat kommen hören. „Schluckauf,“ murmelt Werner mehr zu sich selbst, aber für sein gegenüber deutlich wahrnehmbar. Der Verkäufer lacht lauthals los, als sei es einer der besten Witze, den er bisher gehört hat.

Werner würde ihm deswegen am liebsten den Hals umdrehen. Er seufzt innerlich. Was für jämmerliche Waschlappen sind nur die Hehler von heute geworden, denkt er.

(C) Michael Klarmann, Juli 2014 (Inspiration)

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2 Antworten auf „Früher war alles besser“


  1. 1 truecrimestories 27. August 2014 um 13:17 Uhr
  2. 2 truecrimestories 07. September 2014 um 10:16 Uhr

    Weiterhin sehr beliebt…

    „Übach-Palenberg, Friedrich-Ebert-Straße – Leergutdiebstahl
    Unbekannte brachen in der Nacht zum Samstag den Container eines Getränkehandels auf und entwendeten Leergut.“
    (Polizeibericht vom 07.09.2014)

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