Die schöne neue Welt

Er las in der Tageszeitung. Weil der Zeitungsbote wegen eines Unwetters später gekommen war als üblich, hatte er sie nicht mit zur Arbeit nehmen können. Gabi hatte sie ihm aufbewahrt. Beim Abendbrot hatten sie kurz ein paar Sätze gewechselt, bevor sie Manfred zum Fußball-Training fuhr. Gabi war erfreut darüber, dass ihr Sohn nun doch zum Training wollte. Am Nachmittag hatte er über leichte Übelkeit geklagt, dann aber ging es ihm wieder besser.

Nun saß Holger im Wohnzimmer in seinem geliebten Lesesessel, die Füße gemütlich auf einem Hocker aus Holz hochgelegt und las im Lokalteil. Zuerst dachte er, er lese einen Artikel, dann aber erkannte Holger, dass es wohl nur ein Polizeibericht war. Manches war sperrig formuliert und etwas Eigenlob der Behörde las sich auch aus den Zeilen heraus.

„Mit Hochdruck fahndet die Polizei derzeit nach einem Jungen, der am Samstagnachmittag im Gemeindegebiet zwei kleine Mädchen angesprochen hat. Diese konnten den Tatverdächtigen jedoch durch lautes Schreien in die Flucht jagen.

Ab etwa 15.30 Uhr hatten eine 8-Jährige sowie ihre 5-jährige Verwandte auf einem Spielplatz gespielt, als sie von dem Jungen beobachtet worden waren. Dieser war ihnen bereits zuvor aufgefallen, als er sie bis zu den Spielgeräten verfolgt hatte. Dort angekommen rauchte er zunächst eine Zigarette, bis er schließlich die Ältere von beiden ansprach.

Seiner Aufforderung, ihm in die angrenzende Grünanlage zu folgen, kamen aber beide Mädchen nicht nach. Ihren Weg nach Hause versperrte er ihnen und drängte sie so in ein Gebüsch, wo er verlangte, dass die 8-Jährige ihr T-Shirt liften sollte. Andernfalls, drohte er, würde er der Jüngeren den Kopf herum drehen, ebenso wenn eine von beiden schreien oder weinen würde.“

Liften, dachte Holger. Vor sehr vielen Jahren hatte er auch für die Lokalpresse geschrieben. Er nahm sich vor, gleich im Internet auf der Homepage der Polizei nachzuschauen, ob der Begriff von einem Pressesprecher stammte. Falls ja, gehörte der Redakteur, der den Beitrag redigiert hatte, geohrfeigt. Falls nein, dann mindestens in den Hintern getreten. Was für eine Umschreibung für dieses abscheuliche Unterfangen, dachte Holger. Und las wieder:

„Glücklicherweise widersetzten sich beide Kinder auch dieser Anweisung und riefen aus Leibeskräften, wodurch sie den Jugendlichen vertrieben. Zwei Passanten wurden dadurch auf den Vorfall aufmerksam und verfolgten den Tatverdächtigen noch, bis dass sie ihn aus den Augen verloren.

Die Polizei sucht nun nach Zeugen, denen möglicherweise auch etwas Verdächtiges aufgefallen ist. Gesucht wird ein Junge, der etwa 14 bis 16 Jahre alt ist. Er war ungefähr 160 Zentimeter groß und hatte kurzes, dunkles Haar. Zum Tatzeitpunkt war er mit einer roten Kappe mit weißer Schrift, einem braunen T-Shirt mit weißer Schrift, einer Jeans und braunen Schuhen bekleidet.“

Holger senkte die Zeitung und starrte nachdenklich vor sich hin. Einen Freund von Manfred hatte er einmal gesehen, als dieser mit einer roten Kappe mit auffällig weißer Schrift und einem braunen Hemd, ebenso weiß bedruckt mit großen Schriftzeichen, bekleidet gewesen war. Gabriel hieß der Junge, ein Klassenkamerad seines Sohnes. Allerdings überragte Gabriel Manfred um gut fünfzehn Zentimeter. Und er war Nichtraucher.

Holger schüttelte den Kopf. Also kein Hinweis an die Polizei. Dabei müsste Freunden und Verwandten des Täters doch sicher etwas aufgefallen sein. Markante Kleidung. Da konnte man nur hoffen, die Ermittler fanden den Jungen noch bevor manch anderer ihn fand. Holger dachte nach, was er dann tun würde. Grün und blau schlagen? Vielleicht wäre das noch zu gut für einen Kinderschänder, dachte Holger.

Er erhob sich aus dem Sessel. „Dann schauen wir mal, wer den Lift verbrochen hat,“ nuschelte er vor sich hin. Nebenan stand der Computer auf dem Schreibtisch. Das Arbeitszimmer hatte er früher genutzt, als er noch als Journalist tätig gewesen war. Doch heute, als Pressesprecher einer Versicherung, brachte er nur noch sehr selten Arbeit mit nach Hause. Gabi nutzte das Zimmer dazu, ihren Torten- und Kuchenblog zu verwalten, für den sie Rezepte und Artikel schrieb.

Holger googelte nach der entsprechenden Homepage für die Pressetexte der Polizei. Er fand die Seite, scrollte abwärts. Der Text stand an siebenter Stelle. Er klickte auf die Überschrift, das Dokument öffnete sich im Browser. Holger las – und fand den Satz: „…wo er verlangte, dass die 8-Jährige ihr T-Shirt liften sollte.“ Er schüttelte den Kopf abermals. Jeder gute Redakteur oder Lektor würde einem das um die Ohren hauen, dachte er. Dann dämmerte ihm, dass da ursprünglich wohl jemand nur ein „lüften“ hatte schreiben wollen. Wie peinlich, wenn das dann nach einigen Arbeitsschritten einfach niemandem aufzufallen schien.

Über die Lesezeichen-Funktion rief er die Homepage der Lokalzeitung auf. Er fand den Text über den Kinderschänder direkt, weil er in der Seitenleiste als meist gelesener und am meisten kommentierter Beitrag besonders hervorgehoben wurde. Er rieb sich am Kinn. Eigentlich las er nur noch Kommentare in Foren, die sich mit seiner Firma beschäftigten. Gingen die Beiträge zu weit, musste er sie für die Unternehmensleitung und die Rechtsabteilung ausdrucken.

Er scrollte. 38 Kommentare standen unter dem Text. „Bürger“ schrieb: „Diesem Miststück müsste man die Eier abschneiden!“ Holger sah, dass der Kommentar erst sieben Minuten alt war. Dann sah er auf die Digitalanzeige des Radiorecorders. Es war nun 19.58 Uhr. Ja, dachte er, dann haben die noch Dienst und werden es gleich löschen. Schlimm wurde es mit manchen Forentrolls immer zwischen zirka 23 Uhr am Abend und 6 Uhr am Morgen, dann tat niemand Dienst, die Foren blieben unmoderiert und die Trolls tobten sich dementsprechend ekelerregend aus.

Er lass weiter. „Wenn ich rauskriege, wer das Schwein ist, dann bringe ich ihn um!!!!“ Als Nutzernamen gab der Kommentator „Katholik“ an. Und er hatte in seinem Posting auch einen Link auf ein Facebook-Profil eingegeben. Holger klickte ihn an, als sich die Seite in einem neuen Tab vor ihm aufgebaute erkannte er, dass er bei einer Facebook-Gruppe gelandet war. „Todesstrafe für Kinderschänder!!! Beten wir, dass die Polizei das Schwein findet, bevor wir es kriegen!“ nannte die Gruppe sich.

Zuerst lustlos, dann immer neugieriger und teilweise voller Entsetzen, surfte er über die Seite, las einige der Einträge und Kommentare. Ein Nutzer schrieb, wohl unter seinem Klarnamen: „Man sollte dem Bengel eine Schrotflinte in den Allerwertesten stecken.“ Ein anderer – Name: „Diesgehtdich Garnixan“ – forderte: „Ein Baum, ein Strick, ein Schändergenick! Nur so geht ein Lift ab!!!!“ Holger dachte kurz nach. Hatten die Opfer den Täter nicht als 14 bis 16 Jahre alten Jungen beschrieben?

„Wen die Bulln den for uns kriegen, dan alle hin da. Wir machn so fedd randalle, dann rügken die den sch. freiwlg raus. Wen nicht, dann Molli!“ Als Profilnamen gab der Schreiber „Peter Hermanns“ an. Holger vermutete fast, dass es ein echter Namen war, wie oft bei Facebook. Einerseits fand er solche Kommentare überzogen, andererseits konnte er sie auch irgendwie verstehen. Sich an kleinen Kindern zu vergehen, das war das allerletzte.

Nie würde Holger das öffentlich sagen, auch sein Beruf würde ihm das nicht erlauben. Aber auch er fand, dass Menschen, die sich an Kinder vergriffen, als Jugendliche sehr, sehr hart bestraft werden müssten. Und Erwachsene, nun ja, da wäre die Todesstrafe sicher angebracht, dachte er. Vater Staat müsste ein Exempel statuieren. Dann wüssten alle, es würde sich nicht lohnen. Sie ließen – hoffentlich! – dann die Finger von den Kindern. Falls nicht, wäre die Rückfallquote wohl sehr gering, dachte Holger.

Er scrollte mit dem Rad der Maus wieder nach oben. Ein neuer Eintrag wurde ihm automatisch im Profil der Gruppe angezeigt, eingestellt worden war er „vor 5 Sekunden“. Autor: „Gabriel Möndersheim.“ Gabriel, wunderte sich Holger. Und begann zu lesen: „Das Schwein heißt Manfred Hölscher, Grachtenweg 23. Er hat sich an dem Tag die Mütze und das T-Shirt von mir geliehen. Er MUSS es gewesen sein!“

Als das Browserfenster den ersten Kommentar unter dem Posting nachlud und dieser auf dem Computermonitor erschien, sah Holger schon nicht mehr hin. Er hielt in der einen Hand den Hörer des Funktelefons, in der anderen sein Handy. Aber ihm wurde nicht ganz klar, ob er nun zuerst Gabis Nummer oder die des Polizeinotrufs wählen sollte.

(C) Michael Klarmann, Juli 2014 (Inspiration)

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