Archiv für August 2014

Django schießt heute

Dieter war ein Revolverversager. Er wurde mit dem Krankenwagen in das Krankenhaus gefahren. Ihm fiel auf, dass er das Holster noch trug. Tatort. Die Polizisten versiegelten seine Wohnung. „Du vollgesoffener Idiot!“ Als ihn die Sanitäter heraustrugen schimpften die Nachbarn. Einer der Polizisten sagte Dieter, gegen ihn werde nun wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz ermittelt. Sie fanden die Pistole in wenigen Minuten und beschlagnahmten sie.

„Ihr habt keinen Durchsuchungsbefehl“, stammelte Dieter. Polizisten durchsuchten seine Wohnung. Er rückte sie aber nicht raus und verriet ihnen auch sein Versteck nicht. Sie wollten, dass er die Waffe herausgab. Er verneinte das. Der Beamte wollte von ihm wissen, ob er einen Waffenschein besitzt. Die Nachbarn unter ihm hätten Glück gehabt, erklärte einer der Polizisten. Es ist ein glatter Durchschuss, sagte Frau Doktor.

Er war stark betrunken, schrie dennoch auf, als die Notärztin nach der Wunde sah. Er teilte ihnen lallend mit, dass sein Fuß blutete, aber das sahen sie auch selbst. Dieter musste die Türe öffnen, denn die Ärztin und die Rettungssanitäter würden ohne die Polizei nicht reinkommen. Notarzt- und Rettungswagen trafen zeitgleich mit der Polizei vor dem Mietshaus ein.

Wenn man Schmerztabletten braucht, hat man nie welche im Haus, dachte Dieter. Er trank große Schlucke aus einer Flasche Wodka, um etwas gegen die Schmerzen zu tun. Die Minuten kamen ihm wie Stunden vor. Er wählte auf seinem Mobiltelefon die Notrufnummer für den Notarzt und den Krankenwagen. Geistesgegenwärtig versteckte er dennoch die Pistole.

Die Schmerzen drohten ihn zu überwältigen. Die Scherereien, die er im Haus immer wieder anzettelte, bis hin zu dem Schuss nun, gingen ihnen auf die Nerven, brüllten sie und hämmerten gegen das Holz der Wohnungstüre. Sie riefen zudem, dass sie nun die Polizei rufen würden. „Nichtsnutziger Sack!“ Nachbarn schlugen wild gegen die Etagentüre seiner Wohnung.

„Du besoffenes, asoziales Dreckschein!“ Er hörte Rufe. Es schmerzte höllisch. Die Kugel steckt mir wohl in meinem Fuß, dachte er. Blut, überall um seinem Fuß herum Blut. Ungeheuerliche Schmerzen trieben ihm die Tränen in die Augen. Ein Schuss löste sich. Zog. Steckte sie zurück. Sagte Peng. Zog erneut. Er steckte die Pistole zurück in das Holster. Peng, sagte er. Und richtete die Waffe auf sein Spiegelbild. Dann zog er.

Django zahlt heute nicht, Django hat Monatskarte, erinnerte er sich an einen alten TV-Sketsch, in dem ein vermeintlicher Westernheld nie ein Busticket löste und erst auf Nachfrage des ängstlich schlotternden Fahrers nach Tagen seine Monatskarte vorzeigte. Das Holster der Pistole hatte er sich umgeschnallt. Er sah sich böse selbst an. Duell! Vor dem Spiegel des Wohnzimmerschrankes spielte er sein Lieblingsspiel.

Er fuchtelte damit herum, mimte den Westernhelden. Aus einer Laune heraus holte er die Pistole aus dem Versteck. Er musste über sich selbst lachen. Mein Name ist Dieter, ich bin 48 Jahre alt, arbeitslos und Alkoholiker, spielte er in Gedanken das Rollenspiel der anonymen Alkoholiker. Er war rotzevoll. Er hatte viel getrunken, Schnaps, Wein und Bier.

(C) Michael Klarmann; August 2014 (Inspiration)