Am Ende kein Grinsen mehr

„Und Sie glauben mir nicht, dass ich der Weihnachtsmann bin?“, fragte der Psychologe. „Herr Doktor, den Weihnachtsmann gibt es gar nicht!“ Der Arzt fasste nach: „Was würden Sie denn sagen, wenn ich Ihnen anvertrauen würde, dass die Mitmenschen mich als Weihnachtsmann anerkennen müssen? Anderenfalls werde ich zwanghaft aggressiv und schlage wild auf Alles und Jeden ein.“ Sein Gegenüber schien nachzudenken. Dann grinste der junge Mann und zwinkerte dem Psychologen zu. „Sie wollen mich auf’s Glatteis führen!“

Ja, dachte der Arzt. Er war von einem Richter als Sachverständiger berufen worden und sollte den jungen Mann untersuchen. Der 25-Jährige tat so, als sei er ganz besonders ausgefuchst. Letztlich aber war er intellektuell nie über den Zustand des Klassenclowns hinausgewachsen und besaß allenfalls eine sich selbst angeeignete Bauernschläue. Er war in seinen jungen Jahren schon unzählige Male mit dem Gesetz und der Straßenverkehrsordnung in Konflikt geraten. Nun hatte er den Bogen jedoch überspannt.

„Sie sagen also, dass Sie zwanghaft fahrsüchtig und deswegen bei Verkehrsdelikten nicht zurechnungsfähig sind?“ Der Beschuldigte nickte. „Wenn ich länger als ein paar Stunden nicht gefahren bin, drehe ich durch“, erklärte er. „Bei welchem Arzt waren Sie deswegen denn in Behandlung, als man sie anhielt?“ Grinsen auf der anderen Seite des Schreibtisches. „Sind Sie Mediziner?“ Der Arzt sah ihn an. „Ich bin Chefarzt der Psychiatrie in den Landeskliniken hier.“ Erneut ein Grinsen. „Dann kennen Sie ja auch die ärztliche Schweigepflicht. Den Namen meines Arztes sage ich nicht.“

„Die ärztliche Schweigepflicht meint aber“, erwiderte der Psychologe, „dass Ihr behandelnder Arzt weder vor Gericht, noch mir gegenüber etwas mitteilen muss über Ihre Behandlung und Ihr Leiden. Außer, Sie entbinden ihn von seiner Schweigepflicht.“ Der junge Mann grinste einfach weiter. „Wäre ich denn so blöd?“, fragte er und grinste und grinste. Der Psychologe sah ihn stumm an und verzog keine Miene. Das würde ein hartes Stück Arbeit werden, dachte er.

Laut Akte war der junge Mann von der Polizei angehalten worden, als er mit einem weder angemeldeten, noch versicherten Auto unterwegs gewesen war. Die beiden nicht identischen Kennzeichen an der vorderen Stoßstange und an der Heckklappe hatte er zuvor auf einem Parkplatz gestohlen. Passanten war aufgefallen, dass die Autokennzeichen an seinem Wagen unterschiedlich waren, als der 25-Jährige das Rotlicht einer Ampel missachtete. Sie wählten den Notruf.

Als die Beamten ihn dann stoppten, waren sie verblüfft, denn der 25-Jährige hatte eine ellenlange Liste an Vorstrafen und Ordnungswidrigkeiten wegen der von ihm seit Jahren verübten, unzähligen Verkehrsdelikte. Weder besaß er einen Führerschein, noch könnte er wegen eines Vermerkes auf dem Straßenverkehrsamt überhaupt einen Wagen auf seinen Namen zulassen.

Er müsse zwanghaft Auto fahren, sonst werde er ungehalten und aggressiv, protokollierte die Polizei seinerzeit die Aussage des Mannes. Zumindest stand dies so in der Akte, die nun vor dem Psychologen auf dem Schreibtisch lag. Ergänzt hatte der 25-Jährige auch, dass er sich deswegen sogar in ärztlicher Betreuung befand.

In einem Presseartikel über den Vorfall wurde ein Polizeisprecher mit der ironischen Aussage wiedergegeben: „Bislang verlief die Behandlung wohl ohne Erfolg, wie sich anlässlich des neuen Deliktes heraus stellte.“ Weil die Schilderung des Falles in gewisser Weise witzig war, berichteten zahlreiche Medien darüber einige Tage lang in der Sparte „Vermischtes“.

Halb Europa dürfte über ihn und dessen Ausrede geschmunzelt haben, dachte der Psychologe. Natürlich, musste er zugeben, lud die angebliche Entschuldigung für die Tat auch dazu ein. Was aber, fragte er sich, wäre wohl passiert, wenn sein Gegenüber durch eine Ortschaft gerast wäre und an einer Ampel eine Mutter mit ihrem Kind totgefahren hätte? Beispielsweise seine Schwiegertochter und seinen Enkel…

„Sie wollen mir also nicht verraten, wer Ihr Arzt ist?“ Der junge Mann schüttelte den Kopf und grinste. „Sie bleiben dabei, dass Sie zwanghaft fahren müssen oder aggressiv werden?“ Er nickte eifrig. „Wie erklären Sie sich dann, dass Sie während der letzten Tage hier in der Klinik nicht ausgeflippt sind?“ Ein Grinsen: „Sie haben mich mit Medikamenten ruhig gestellt?“ Der Arzt sah ihn an: „Das haben wir nicht!“

Der junge Mann grinste einfach weiter. „Doch!“ Tiefes Durchatmen bei dem Mediziner. „Dafür gibt es gar keinen Grund. Sie lügen, um sich ein Alibi zu verschaffen.“ Immer noch grinste der Mann. „Beweisen Sie es!“, antwortete er kaltschnäuzig. „Wenn ich es nicht beweise, sondern ihnen attestiere, unzurechnungsfähig zu sein, dann bleiben Sie länger bei uns.“ Für einen kurzen Moment verschwand das Grinsen aus dem Gesicht des Gegenübers. „Sie bluffen doch nur.“ Dann grinste er wieder.

Der Psychologe dachte an die vielen wirklich kranken Menschen, die er in seinen fast fünfunddreißig Berufsjahren behandelt hatte. Arme Hunde, die mit der Welt nicht klar kamen, aber ansonsten liebenswürdig waren. Manche benötigten Medikamente, andere ein besseres soziales Umfeld, wieder andere mehr Selbstbewusstsein und Gespräche. Dieser Jungspund hier, dachte er angewidert, benötigt einfach nur eine neue Erfahrung.

„Hören Sie“, sagte der Arzt und setzte nun selbst ein breites Grinsen auf, „Sie wissen so gut wie ich, dass ich der Weihnachtsmann bin. Warum verdrängen Sie das?“ Der 25-Jährige grinste ihn überheblich an. „Weil es keinen Weihnachtsmann gibt!“ Der Psychologe grinste weiter. „Ich aber bin der Weihnachtsmann.“ Achselzucken. „Dann gibt es Sie nicht! Aber Sie sitzen mit mir an einem Tisch! Also können Sie nicht der Weihnachtsmann sein, Herr von und zu Seelenklempner!“

„Sie hätten den armen Hund mal sehen sollen, der das vor fünf Wochen noch angezweifelt hat. Die Schwestern brauchten drei Stunden, um alle Blutungen zu stillen.“ Das Grinsen des Psychologen wurde noch breiter. „Erinnern Sie sich noch daran, was ich Ihnen anfangs sagte?“, fragte er. Desinteressiertes Achselzucken. „Falls Sie es wirklich schon wieder vergessen haben, so wiederhole ich mich ungern: Sollten meine Mitmenschen mich nicht als Weihnachtsmann anerkennen, werde ich zwanghaft aggressiv.“

„Aber damit wollten Sie mich doch auf’s Glatteis führen“, sagte der 25-Jährige und lächelte ihn mitleidig an. „Das haben Sie sich nur eingebildet“, erwiderte der Psychologe und lachte höhnisch auf. Für sein Alter war er erstaunlich schnell auf dem Tisch. Als technisch versierter Hobbyfußballer – im Team der Alten Herren – holte er mit seinem rechten Fuß spielerisch aus.

In Sekundenbruchteilen traf sein Fuß den jungen Mann mitten ins Gesicht. Er hörte die Nase brechen und sah das Blut aus der Wunde herausspritzen. Der Psychologe lachte den Beschuldigten aus und sah das blanke Entsetzen in dessen Gesicht – durch das Blut hindurch.

(C) Michael Klarmann, August 2014 (Inspiration)

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