Die Suppenkasper

Als er den Hörer zurück auf die Gabel legt, bemerkt er das Zittern in seinen Händen. Schon während des Telefonates hat er sich komisch gefühlt und nur mit Mühe dem Gespräch folgen können. Ein Journalist wollte konkrete Nachfragen zu einem Polizeibericht klären. Doch als ihm schwindelig wurde, hat er geantwortet, er müsse das mit dem Fachkommissariat besprechen und rufe zurück.

Sein Herz beginnt nun zu rasen. Ihn überkommt das Gefühl, dass das Zittern in seinen Händen stärker wird. Was ist nur mit meinem Kreislauf los?, denkt er. Dann fällt ihm auf, dass die Unruhe und das Zittern auch seine Beine befällt. Ihm ist es nicht mehr möglich, die Füße stillzuhalten. Hinzu kommt das Gefühl, als habe ihn eine starke Grippe mit Schüttelfrost in Sekundenschnelle übermannt. Tatsächlich fröstelt ihn und für einen Moment tritt ihm kalter Schweiß auf die Stirn.

Ungeachtet dessen grinst er und kommt sich seltsam entrückt vor. Seine Umgebung, das Telefon, der Schreibtisch mit dem Computer und dessen Monitor, die Ablagen und Notizbücher, sind plötzlich weit entfernt von ihm. Dennoch sieht er deutlich vor sich, wie seine Hände auf dem Holz des Tisches neben der Tastatur liegen. Ebola, denkt er, muss dann aber grinsen. Die Krankheit ist zwar derzeit in den Medien überpräsent, aber wie soll ich mich angesteckt haben?

Sein Herzschlag dröhnt so stark in den Ohren, dass er denkt, seine Trommelfelle wummern wie Lautsprechermembranen bei starken Bässen. Tief in seinem Inneren wabert jedoch ein Song aus seiner Jugend. Wie ein Ohrwurm durchzieht das Lied seinen Kopf: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit, jagst du den Alltag und die Sorgen weg. Und wenn du stets gemütlich bist, und etwas appetitlich ist, dann nimm es dir, egal von welchem Fleck.“

Er konzentriert sich und bekommt zumindest das Zittern in seinem rechten Fuß in den Griff. Langsam tritt er den Takt mit, bemerkt dann aber, dass dieser nicht mit seinem Herzschlag oder dem Lied in Gleichklang zu bringen ist. Er lacht darüber, aber während er denkt, er würde dies laut tun, sitzt er nur mit aufgeplusterten Backen am Schreibtisch und die Luft entweicht seiner Nase in kurz aufeinanderfolgenden Schüben.

Hoffentlich kommt jetzt nicht die Kollegin in den Raum, denkt er. Dann beginnen seine Gedanken zu kreisen. Er muss noch im Fachkommissariat anrufen. Seine Hand greift nach dem Telefonhörer. Ihm ist so, als stehe das Telefon sehr weit weg von ihm. Als er den Hörer dann anfasst, muss er grinsen. Nicht mal geschätzte dreißig Zentimeter waren zu überbrücken gewesen. Sein Herz pocht immer noch wie der Takt eines ultraschnellen Technosongs.

Er erhebt sich, fühlt sich unsicher auf den immer noch zitternden Beinen. Ich gehe, als wäre ich sternhagelvoll, denkt er. Es kommt ihm so vor, als würde er torkeln, aber er torkelt gar nicht, geht indes wie auf Watte. Zudem hat er den Verdacht, dass er für jeden Schritt eine Minute benötigt. Dabei rasen seine Gedanken, kreisen um Privates, Berufliches – und um die Frage, was mit ihm los ist. Dann spürt er, dass er auf die Toilette muss.

Auf dem Flur kommt ihm ein Kollege entgegen, der ihn freundlich grüßt. Er nickt wortlos. Der Kollege geht weiter. Er selbst meint jedoch, alles ziehe sich ewig hin. Da aber der Andere keine Anstalten macht, ihn auf ein etwaiges Fehlverhalten anzusprechen, ignoriert er das. Ich benötige fast dreißig Schritte zum Örtchen, denkt er, das dauert immer gut eine Minute. Ihm kommt es nun so vor als sei er schon zwanzig Minuten unterwegs und lege nach jedem Schritt Pausen von drei Minuten ein, in denen er grübelt.

Dennoch ist ihm seltsamerweise klar, dass außen die Zeit normal verläuft, nur innen geht alles viel schneller. Als er vor dem Urinal steht, ist da immer noch dieses Kribbeln in seinem Unterleib, das ihn darauf hinzuweisen scheint, dass er austreten muss. Doch so sehr er sich auch bemüht, es geht nicht. Viel schlimmer noch: er bemerkt, dass er eigentlich gar nicht pinkeln muss, ihm das Kribbeln aber immer wieder deutlich macht, dass gleich sein Urin fließen wird.

Auch wenn sein Herz und seine Gedanken rasen, so ist ihm bewusst, dass sein Gang zur Toilette sich nun hinzieht. Die Zeit scheint still zu stehen, jedoch weiß er, dass es Minuten sind, die verstreichen, ohne das etwas geschieht. Trotzdem traut er sich nicht, seinen Penis wieder in die Hose zu stecken, weil er immer wieder daran denken muss, dass er sich dann einnässen würde, wie ein altersdementer Opa. Das empfindet er wiederum als so dermaßen komisch, dass er laut vor sich hin lacht.

***

Ein Kollege vom Drogendezernat fand ihn. Ein Blick in die Augen des Pressesprechers der Polizeibehörde genügte diesem, um zu erkennen, dass er schwer unter Drogen stand und nicht mehr Herr seiner Sinne war. Er rief den Notarzt und stützte den Polizeisprecher zugleich, nachdem er ihm auch dabei geholfen hatte, seine Hosen wieder in Ordnung zu bringen.

Völlig bekifft im Polizeipräsidium, dachte der Drogenfahnder, wie geil ist das denn? Da einiges auf eine Überdosis hin deutete, lief er mit dem Pressesprecher auf dem Flur hin und her. Bloß nicht stillstehen oder gar hinsetzen, dachte der Polizist, immer in Bewegung bleiben, bis die Ambulanz kommt. Längst hatten auch andere über den Umweg des Flurfunks davon Wind bekommen, was sich hier abspielte. Erste Gaffer kamen wie zufällig vorbeigestromert.

***

„War er doch selbst schuld!“, sagt der Koch zum Abschied. „Muss er denn über alles seine Späße machen und es in die Welt hinausposaunen?“ Er hat kurz zuvor seine Sachen gepackt. Drei Tage hatte die Interne gebraucht, um ihm auf die Schliche zu kommen. Heute morgen titelte die Lokalpresse: „Koch setzte Polizeisprecher unter Drogen!“ Darüber grinst er nun, auch wenn es ihn den Job gekostet hat und gegen ihn ermittelt wird.

Zwei Mal hatte der Polizeisprecher, der bekannt dafür war, humorvolle Texte aus dem Polizeialltag als offizielle Behördenmitteilung zu verbreiten, über den Speiseplan in der Kantine gelästert. Beim dritten Mal entschied der Koch, dass nun die Zeit reif war für einen akkuraten Gegenangriff. Auslöser diesmal war ein simpler Rechtschreibfehler von ihm gewesen.

Statt Lachscremesuppe hatte auf dem Speiseplan nämlich Lachcremesuppe gestanden – und um 11.28 Uhr war an jenem Tag ein Polizeibericht via E-Mail und über ein Fachportal im Internet verbreitet worden. Darin warnte der Polizeisprecher im Raum Aachen ironisch vor gut gelaunten Polizisten nach der Mittagspause. „Es erfreut, dass der Kantinenkoch sein Augenmerk scheinbar nunmehr auch auf Speisen mit psychologisch positiver Wirkung legt!“, feixte der Behördensprecher in der Presseaussendung.

Polizisten lästerten deswegen über ihn, in den Medien war der Koch zum Ziel von Hohn und Spott geworden. So setzte er dann eine Woche später Gemüsesuppe auf den Speiseplan. Eine Portion davon eigens ergänzt um einen Zusatz aus der Asservatenkammer, der die Schüssel zur echten Lachsuppe veredeln sollte. Und weil er als Koch in der Behördenkantine manchmal selbst mit bei der Essensausgabe aushalf, schöpfte auch niemand Verdacht, als er den Polizeisprecher abpasste und ihm die sehr schmackhafte und vitaminreiche Suppe ans Herz legte.

Mit einem Augenzwinkern pries er diese sogar als Lachsuppe an und der Pressesprecher griff tatsächlich zu. Wie sich später herausstellte, hatte der Koch sich allerdings in der Dosierung geirrt. Seitdem die Niederländer ihr Gras mittels illegaler Innenraumaufzucht anbauten, war der THC-Gehalt immer stärker geworden und die Wirkung konnte an jene von Aufputschmitteln und LSD heranreichen. Das hatte er jedoch erst aus dem Internet erfahren – und ebenso, dass die Aufschrift „Amnesia Haze“ auf dem Asservat der Name der Grassorte gewesen war.

„Dann wünsch ich dir alles Gute!“, sagt die Kassiererin. „Danke!“, antwortet der Koch. „Und macht bloß keinen Unsinn!“ Dann gesellt er sich zu den beiden Polizisten, die ihn vor der Theke erwarten und hinausgeleiten sollen. „Wollen wir nur hoffen, dass dein Nachfolger nicht mit Lachgas kocht“, sagt einer der beiden und grinst ihn breit an. „Oder mit Bier“, antwortet der Koch. Seinen Seitenhieb verstehen die Polizisten aber nicht, bierernst, wie sie sind.

(C) Michael Klarmann; April 2014 (Inspiration)

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