Pfandflaschenphobie 2.0

Seine Freundin hatte ihn immer ausgelacht, weil er keine Pfandflaschen in seinem Auto liegen lassen wollte. Damals war das Schloss seines Kofferraumes defekt und die Heckklappe ließ sich nicht mehr öffnen. Immer dann, wenn er bei ihr übernachten und am Morgen einkaufen fahren wollte, nahm er die Einkaufskiste voller Pfandflaschen mit in ihre Wohnung, anstatt sie auf der Rückbank oder dem Beifahrersitz stehen zu lassen. Sie feixte dann immer: „Ah, da kommt mein kleiner Pfandflaschenfuchs!“

Markus erinnerte sich nun daran, als er im Verkaufsraum des Autohauses mit angeschlossener Werkstatt saß und darauf wartete, dass man ihm die Seitenscheibe reparierte. Der Raum war mit Nationalfahnen geschmückt. Gerade fand die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Schwarz-rot-goldene Flaggen hingen an den Verstrebungen der Dachkonstruktion und an den Wänden, dazwischen die Fahnen der anderen Mannschaften beziehungsweise der jeweiligen Staaten.

An einem der Schreibtische telefonierte ein Mitarbeiter mit einem Kunden. Ein junges Pärchen interessierte sich für zwei der ausgestellten Nobelkarossen und Markus fragte sich, wann diese jungen Leute nur so viel Geld verdient haben mochten, um sich einen solchen Schlitten kaufen zu können. Er war 47, lebte in Scheidung und war seit fast einem Jahr mit Sabine, einer 33 Jahre alten Künstlerin zusammen.

Eigentlich waren sie ständig pleite. Nur sehr wenige Künstler konnten von ihrer Berufung leben und mussten oft auch schlecht bezahlte Jobs stemmen, etwa in der Gastronomie. Er selbst verfügte zwar als Techniker über ein gutes Einkommen, jedoch fraß die Scheidung einiges davon wieder auf. Als er so in Gedanken schwelgte, fiel sein Blick auf das Schild neben ihm: „Nutzen Sie die günstigen Finanzierungsmöglichkeiten unserer Hausbank!“ Kaufen die beiden wohl auf Pump, dachte er.

„Nein, das ist ganz normal. Wenn der Wagen lange gestanden hat, dann müssen Sie die Handbremse frei schleifen lassen. Ziehen Sie einfach zwischendurch beim Fahren auf der Landstraße mal die Handbremse leicht an, für einige Sekunden.“ Markus sah, wie der Mitarbeiter des Autohauses den Kopf schüttelte. „Versuchen Sie es einfach, und bitte mehrmals hintereinander. Ihr Gebrauchtwagen hat vier Monate bei uns gestanden, bevor Sie ihn gekauft haben. Da hakt es manchmal beim Anfahren nach dem Parken noch etwas an den Rückbremsen. Wenn es nach zwei Wochen und ein paar Mal Schleifen nicht besser wird, schauen wir es uns an.“

Ihm selbst war eine Seitenscheibe eingeschlagen worden, deswegen saß er nun hier und hörte dem Telefonat des Mitarbeiters unfreiwillig zu. Sabine hatte nach ihrem Urlaub zwei Pfandflaschen auf der Rückbank liegen gelassen. Nach der fünfstündigen Heimreise dachte er sich nichts dabei. Er war müde, seine Knochen und Muskeln schmerzten ihm oder waren verspannt. Schon das Ausladen der Rucksäcke und Koffer war eine reine Tortur gewesen.

Scheiß auf die Flaschen, dachte er. Sie machte noch Witze darüber, als sie im Bett lagen und ihm schon die Augen zufielen. „Schatzi, ich muss dir etwas beichten“, säuselte Sabine ihm ins Ohr und kicherte. „Ich habe die schwerste aller Schandtaten begangen, die du mir vorwerfen kannst. Im Auto liegt noch Pfand!“ Er war schon im Halbschlaf, konnte sich nur seinen Teil dazu denken, wollte aber keine Worte mehr artikulieren. Nachts schlugen der oder die Täter dann das Seitenfenster ein und nahmen die zwei Flaschen mit. Beute: 50 Cent.

Seine „Pfandphobie“, die er dringend beim „Pfandflaschenphobie-Psychiater“ behandeln lassen müsste, wie Sabine immer witzelte, hatte mit Erlebnissen von Freunden zu tun. Einem davon hatte man die Heckscheibe eingeschlagen und den leeren Bierkasten aus dem nicht abgedeckten Kofferraum gestohlen. Diese Beute betrug in den 1990er Jahren sechs Mark, die Reparatur kostete rund 400 Mark. Einer Freundin war kurz danach das erkennbar schrottreife Auto aufgebrochen worden. Der Dieb riss ihr ein hoffnungslos veraltetes Kassettenteil aus der Verkleidung und verursachte einen Schaden von über 250 Mark.

„Herr Mohren!“, hörte er und zuckte zusammen. Er blickte hoch und erkannte an dem Pult mit der Aufschrift „Service und Teile“ den Werkstattleiter. „Ihr Wagen wäre dann fertig“, sagte der Mann. Markus war in einen der Ledersessel einer Sitzgruppe versunken und hatte aus Langeweile Bonbons gegessen, die in einer Schale auf den Tisch lagen. Mühselig, immer noch verspannt von der Heimfahrt, kämpft er sich hoch und bemerkte, dass ihm ein Rest Karamellzucker an einer Zahnfüllung klebte.

„Da haben die Täter aber ganze Arbeit geleistet, um an die 50 Cent zu kommen“, witzelte sein Gegenüber. Markus nickte. Solche Scherze waren genau das, was er nun eben nicht nötig hatte nach der anstrengenden Heimreise gestern. Dazu noch die gut anderthalb Stunden mit der Polizei vor dem Haus, Anzeige erstatten, notdürftig das Glas aus dem Innenraum saugen und die Lücke mit Folie zukleben. Als Höhepunkt dann noch die zwei Stunden in der Werkstatt.

Ein schwacher Trost war es da, dass der Händler die Rechnung mit der Autoversicherung direkt abwickelte. Markus musste mangels Selbstbeteiligung weder zuzahlen, noch würden seine Prozente steigen, wie bei manch anderem Schadensfall. Allerdings musste er die erbrachte Leistung per Unterschrift quittieren. Er sah dabei, dass die Rechnung etwas mehr als 190 Euro betrug. Und dachte, dass das dann wohl bis an sein Lebensende das teuerste Pfand gewesen war, das er nie mehr einlösen könnte.

(C) Michael Klarmann, August 2014 (Inspiration)

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