Geldwerter Nachteil

Diese armseligen Maden, denkt er angewidert. Geistig minderbemittelte Kreaturen, die den Dreck unter ihren eigenen Fingernägeln nicht wert sind. Man könnte ihnen ins Hirn koten, aber auch das würde es nicht verschlimmern. So lange sie ihm, dem Sehenden des Seins, geistig aus der Hand fraßen, machten sie keine Probleme. Nur wenn die tumbe Umwelt zum komplizierten Sturm anschwillt und an ihren Madengedanken rüttelt, dann wird es problematisch.

Gokhlayeh wunderte sich seit Jahren darüber, wie leicht es war, die Einzeller der Intelligenzwüsten zu manipulieren. Sie? Damit meinte er die erste Generation, die mit dem Internet aufgewachsen und durch das World Wide Web und dessen Fülle an Möglichkeiten sozialisiert worden war. Sie, das waren jene, die tagtäglich der medialen Flut an Wahrheit, Manipulation und Werbung ausgesetzt sind. Das, was man heute Medienkompetenz nennt, war ihnen als eine Art geistige Muttermilch eingetrichtert worden. Dachte man, denkt Gokhlayeh.

Sie waren nicht dumm, das wusste er. Einige von ihnen waren hoch intelligent, konnten selbst umfangreiche technische Probleme in wenigen Minuten durchschauen. Ihre Medienkompetenz, das hatte eine Wissenschaftlerin kürzlich in einer TV-Sendung gesagt, lasse sie auf nichts mehr hereinfallen. In Wirklichkeit, denkt Gokhlayeh, sind sie, trotz ihrer Intelligenz, riesengroße Narren. Renommierte Journalisten nennen sie Lügner, weil sie angeblich im Sold der Mächtigen stehen, aber ein verwackeltes Internet-Video beten sie an wie ein Junkie sein Heroin. Und einem zynischen Propheten wie mir folgen sie blindlings, denkt er.

Gokhlayeh ekelt sich vor so viel Idiotie. In ruhigen Tonfall fragt er: „Was ist geschehen, Bruder?“ Tränen fließen: „Ich habe Mist gebaut, Meister!“ Diese Maden zu zertreten, denkt er, wäre noch zu gut für sie. „Was für einen Mist?“, fragt Gokhlayeh einfühlsam und mit sanfter Stimme. Der junge Mann beugt sein Haupt voller Scham und beginnt zu erzählen, davon, wie er nicht mehr ein noch aus wusste wegen der hohen Schulden und er dann eine Idee hatte. Doch diese sei fehlgeschlagen und nun drohe ihm ein Prozess vor Gericht und er habe große Angst davor.

„Ihr habt gesagt, die Apokalypse werde alles richten. Und sie werde uns Auserwählte in die Sicheren Kammern der Wahrheit auf Erden führen, die Hirnmaden jedoch an den Abgrund leiten und sie hinabstoßen, Meister“, sagt der junge Mann. Gokhlayeh antwortet: „Bruder, ein Irrtum. Ich habe seitdem lange Studien betrieben und erkennen müssen, dass die große Reinigung erst in ungefähr zwei Jahren bevorsteht.“ Immer noch mit gesenktem Blick fragt sein Gegenüber: „Wie konntet Ihr Euch irren?“ Gokhlayeh spricht, dass er unter dem Bann des Bösen gestanden habe. „Das Böse ist mächtiger, als ich dachte. Aber nun sehe ich wieder klar!“

***

Die Sache war schief gegangen, obwohl er Tage darüber gegrübelt und alles geplant hatte. Marius war 20 Jahre alt und sollte an einem Montagmorgen für seinen Chef mehrere tausend Euro Firmengelder, die von einem Autoverkauf am Samstag herrührten und das Wochenende über im Tresor gelegen hatten, zur Bank bringen. Derlei kam manchmal vor und deswegen hatte er Pläne geschmiedet, um sie bei der nächstbesten Gelegenheit umzusetzen.

Binnen zweier Jahre waren ihm die Geldschulden über den Kopf gewachsen. Kurz, nachdem er volljährig geworden war, hatte ihn ein Kumpel mit zu Gokhlayeh genommen. Anfangs amüsierte er sich über die Leichtgläubigkeit von Joel, seinem Freund. Marius begriff rasch, dass Gokhlayeh sich selbst zum Schamanen und Sehenden einer Art Sekte ernannt und achtundzwanzig Heranwachsende um sich gescharrt hatte. Sie nannten ihn Meister, und er war der Esoteriker, redete manchmal ununterbrochen von Prophezeiungen, teilweise fiel er in Trance und alle lauschten gebannt, was er dann mitzuteilen gedachte.

Die Gruppe nannte sich „Kristallkreis gegen die Finsternis“. Ungeachtet seiner Skepsis war Marius von dem, was Gokhlayeh tat und prophezeite, dann doch immer mehr angetan. Schließlich musste er sich eingestehen, dass jene Weisheiten zugleich Wahrheiten waren und ihn faszinierten. Marius schloss sich der Gruppe an, verlor allmählich den Kontakt zu den Eltern und Freunden, verbrachte viel Zeit im „Kreis“, wie sie die Gruppe untereinander nannten. Dann bat Gokhlayeh auch ihn um Geldspenden. Er berichtete ihm davon, dass ihn die Mächtigen und Kirchenleute seit Jahrzehnten verteufelten, um ihren eigenen Irrglauben an der Macht halten zu können.

Er, der Meister, berichtete ihm, dem Jünger, von seinen Jahren, als jene Kreise ihn in die Psychiatrie gesperrt hatten, um ihn mundtot zu machen. Marius stellte unweigerlich fest, dass die Demokratie nur eine getarnte Diktatur war, ein Trugbild. Es verhüllte eine Verschwörung, bei der es nur um Macht und Geld ging. Gegner, die hinter diese Kulissen schauten und ihre Anhänger darüber aufklärten, mussten mit mörderischem Widerstand rechnen, weil sie zur Gefahr wurden für die Demokratie und den Kapitalismus. So musste Gokhlayeh also in den Untergrund fliehen, scharrte junge Leute um sich, unterwies sie und weihte sie langsam zu Sehenden.

Er, der Meister, konnte nicht selbst arbeiten. Gokhlayeh wäre aufgefallen, entdeckt und wieder verhaftet worden. Zudem benötigte er all seine Energie und Kraft dazu, die Menschheit aufzuklären. Er musste das Heer der Weisen mehren und den „Kristallkreis“ am Tag des Großen Chaos in die Sicheren Kammern führen. Zuvor jedoch sorgten alle dafür, dass es ihm an nichts fehlte. Sie finanzierten ihn und den „Kreis“ – und die Drogen, die Gokhlayeh und manchmal auch sie selbst für ihre Visionen und Zusammenkünfte benötigten.

Auch Marius hatte sich hoch verschuldet. Gleichaltrige mochten ähnliche Probleme haben, weil sie den Überblick über ihre Mobilfunkverträge, Online- und Spieleabos sowie die laufenden Kosten für Apps verloren hatten. Oder die Beiträge der ihnen von windigen Maklern aufgeschwatzten, oft unnützen Versicherungen sie erdrückten. Oder sie häuften Schulden an, weil sie Autos und Motorräder auf Pump kauften. Andere gönnten sich auch Mietwohnungen, die sie sich gar nicht leisten konnten. Marius selbst lebte bescheiden, jedoch waren die Schulden zu einem unüberwindbaren Massiv angewachsen. Bewusst wurde ihm das, als die Apokalypse ausblieb und ihm zuerst die Bankberater, später auch die Schläger privater Kredithaie dies erläuterten.

An jenem Montagmorgen sollte zumindest finanziell die Erlösung kommen. Marius stoppte sein Auto in einem Waldstück am Seitenstreifen und griff nach dem Rucksack mit dem Geld. Die Scheine packte er in eine Tüte und versteckte sie im Kofferraum unter dem Reserverad. Dann ging er fast hundert Meter in den Wald hinein und entsorgte den Rucksack unter einem moderigen Baumstamm. Er ging zurück in die Nähe der Straße, schlug sich auf einem nahen Waldweg mit einem dicken Ast selbst gegen Arme, Beine und ins Gesicht. Es schmerzte ihn sehr, einmal fiel er sogar vornüber in den Morast.

Dann ging er zurück zu seinem Auto und rief mit dem Handy die Polizei an. Er schilderte den Beamten, dass er überfallen worden war und nannte ihnen seinen Standort. Es dauerte zehn Minuten, bis sie eintrafen, und in jener Zeit fuhr nicht ein Auto an ihm vorbei. Aber seine Gedanken kreisten weiter um seine baldige Aussage, damit ihm bloß kein Fehler unterlief. Dann trafen die zwei Streifenwagen und ein Notarzt ein. Noch im Krankenwagen liegend erzählte er einem der Polizisten, was vorgefallen war.

„Ein Junge stand hier und wedelte mit seinen Armen. Ich habe angehalten, fuhr rechts ran. Der erzählte mir, ich solle mitkommen, denn im Wald sei jemand umgekippt und benötige Hilfe. Mein Auto blieb unverschlossen zurück,“ erklärte Marius. „Warum haben Sie nicht abgeschlossen?“, fragte der Polizist. „Es ging alles so schnell, wissen Sie.“ Er lag auf der Pritsche, der Polizist machte sich Notizen auf einem Block. „Und weiter?“, hakte der Beamte nach.

„Da hinten lag dann ein Mann am Boden. Ich wollte helfen, aber dann schlug er mir mit der Faust ins Gesicht, als ich mich zu ihm ’runter beugte. Ich kippte um und landete im Matsch. Ich glaube, einer trat auf mich ein und der andere schlug mit einem Ast oder Brett zu. Dann wurde mir schwarz vor Augen.“ Der Polizist sah ihn fragend an, während der Sanitäter ihm eine der Wunden im Gesicht säuberte. „Als ich wieder zu mir kam, waren die weg. Da hab’ ich mich zum Auto zurückgeschleppt und als ich einstieg, war der Rucksack mit dem Geld auch weg.“

„Wer wusste denn davon, dass Sie so viel Bares mitführten?“, wollte der Beamte wissen. „Eigentlich nur der Chef!“, erklärte Marius. „Wieso sollte er Ihnen das Geld mitgeben und Sie dann überfallen – oder überfallen lassen –, wenn es sowieso schon sein Geld ist?“ Marius zuckte die Achseln. „Haben Sie zufällig Geldsorgen?“, fragte ihn der Polizist ungewöhnlich direkt. „Nein!“, antwortete er. Der Sanitäter tupfte die Wunden weiter ab, es brannte stark. „Ich gehe mal kurz zu den Kollegen, bin aber gleich wieder bei Ihnen,“ verabschiedete sich der Polizist für einen Moment.

***

„Bruder“, sagt Gokhlayeh, „du bringst die Gemeinschaft in Gefahr durch dein unüberlegtes Handeln.“ Marius nickt. „Wie kannst du nur so töricht sein, anzunehmen, dass die Polizisten dein Tun nicht durchschauen könnten! Selbst ich bin an diesen Vasallen des Irrlichts manches Mal gescheitert, etwa in den Tagen, als sie mich in ihre Narrenanstalten warfen, um mich zum Schweigen zu bringen, Marius!“, weist ihn Gokhlayeh zurecht. In seinem Kopf rasen derweil die Gedanken.

Auch wenn der 20-Jährige bisher über den „Kristallkreis“ geschwiegen hat, denkt Gokhlayeh, so war der Geist dieser hirnverwesten Made doch formbar wie Wachs. Ich selbst praktiziere diese hohe Kunst seit langem an diesem tumben Wurm, diese großgezogene Nachgeburt einer weichhirnigen Dummfrau, denkt Gokhlayeh. Ein Richter wird ihn in weniger als zehn Minuten so weit manipulieren, dass das Denkdesaster danach alles wie ein Wasserfall ausplaudert, erregt er sich innerlich. Immerhin waren schon einfache Polizisten in der Lage gewesen, den Einfaltspinsel zu erden.

Ihnen gegenüber, das hat Marius Gokhlayeh gebeichtet, verstrickte er sich noch im Krankenwagen in Widersprüche und Auffälligkeiten. So schnell lösen Streifenbeamte sonst keine Raubüberfälle, denkt er. Sofort musste ihnen aufgefallen sein, dass die Spuren des vermeintlichen Kampfes mit den angeblichen Dieben nicht passten zu dem Wortmüll, den ihnen Marius auftischte. Schon die Tatsache, dass nur Fußspuren ein und derselben Person in den Wald hinein und wieder aus diesem heraus führten, war eine Tollpatschigkeit, denkt Gokhlayeh.

Innerlich kocht er vor Wut. Was hat sich dieses minderbemittelte Aashirn nur dabei gedacht, den Beamten trotz seiner eigenen Beschränktheit etwas vorgaukeln zu wollen? Es war das Leben, kein Internet-Video oder eine Schatzsuche in einem Rollenspiel für Kleinkinder auf dem Computer! Und als einer der Polizisten diesem Idioten dann auch noch die Tüte mit dem Geld zeigte, die er aus dem Kofferraum des Autos gefischt hatte, brach das erbärmliche Hirngewürm zusammen und gestand wimmernd wie ein Waschweib seine Schandtat, denkt er angewidert. So ein Nichtsnutz!

„Dir steht also in wenigen Monaten ein Prozess wegen Vortäuschens einer Straftat bevor?“, fragt er Marius mit sanfter Stimme. Dieser nickt. Anders als die Polizei, denkt Gokhlayeh, wird ein Richter dann auch sicher ganz genau wissen wollen, weswegen er Geldsorgen hat. Bei Heranwachsenden, dass weiß er nur zu gut, kann eine schlüssige Begründung dafür und für die Ausweglosigkeit der eigenen Lage ein Grund dafür sein, vor Gericht Milde walten zu lassen. Gokhlayeh seufzt innerlich auf.

Dem Werk droht Gefahr wegen diesem Hirnverwesten. Sanftmütig lächelt er Marius an und sagt mit der beruhigend wirkenden Stimme des Vergebenden: „Wir finden eine Lösung, Bruder.“ Aber tief in seinem Inneren rasen seine Gedanken weiter, quellen über vor Hass und Wut. Vielleicht wäre es an der Zeit, dieser Hirnmade etwas vom LSD zu spendieren und ihm einzureden, dass er fliegen kann, überlegt Gokhlayeh.

Marius blickt in genau diesem Moment auf zu ihm und erkennt, dass das Lächeln des Meisters sich weiter aufhellt. Er spürt förmlich, dass in Gokhlayeh eine weise Lösung herangereift ist. Alles, denkt der 20-Jährige, dürfte sich also bald zum Guten wenden.

(C) Michael Klarmann; August 2014 (Inspiration)

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