Archiv für September 2014

Auf dem Schulweg

„Hüpf, hüpf, wer nicht springt, der ist kein Deutscher, spring, spring!“ Sie grölen und lachen. Diese Gaudi kennen sie dank der Fußball-Weltmeisterschaft. Auf einer Klassenfahrt mit dem Zug saßen drei betrunkene Männer in ihrem Abteil, die plötzlich aufgesprungen waren und diesen Spruch skandierten. Dazu hüpften sie wild auf und ab. Minuten später tobte und krakeelte die 8a der Realschule II und ihre Lehrerin befürchtete, der Zug würde aus den Gleisen springen.

„Schaff mir das Drecksassipack vom Hals!“, ruft der Polizist seinem Kollegen zu. „Sonst springt dieser Junkie auch noch wirklich.“ Zwei Streifenbeamte versuchen gerade, in die Wohnung einzubrechen, um den Wahnsinnigen vom Fensterbrett zu holen. Der Mann selbst hebt und senkt beide Hände und Arme, eine Geste aus dem Fußball, ein Wedeln wie bei einer Laola-Welle.

„Hüpf, hüpf, wer nicht springt, der ist kein Deutscher, spring, spring!“, skandieren die drei Jungendlichen wieder und springen selbst neben den Polizeiwagen ausgelassen hin und her. Eigentlich sind sie auf dem Weg zur Schule, doch weil der Mann Möbel aus dem Fenster geworfen hat, haben sie gestoppt. „Wetten, er springt nicht“, sagt einer. „Ist mir egal, Hauptsache, hier geht endlich mal krass was ab“, der Zweite. „Der ist doch viel zu feige“, findet der dritte Junge.

Verstreut liegen Teile des Mobiliars vor dem Haus. Der Küchentisch, in mehrere Einzelstücke zersprungen. Demolierte Holzstühle im Vorgarten. Die Polsterkissen eines Sofas hängen in einer Hecke. Ein Staubsauger liegt auf dem Dach eines in der Einfahrt geparkten PKW. Unter einem der Fenster baumelt noch die verwitterte Deutschland-Fahne. Der Mann mimt weiter die Laola-Welle. Hinter ihm aus der Wohnung dröhnt in voller Lautstärke der Refrain eines uralten Punksongs.

„Bullenschweine, Bullenschweine in der ganzen Welt, Söldner aller Staaten, Schläger für wenig Geld. Verteidigt euren Scheiß-Staat, wisst selber nicht, warum. Die Scheiß-Politiker freu‘n sich, verkaufen euch für dumm. Polizei SA SS…“ Einer der Schüler sagt zu den anderen: „Habt ihr das gehört?“ Sie brüllen und hüpfen einen Moment lang nicht mehr. „Was?“ fragt einer. „Das ist ein Nazi. Im Lied singt er von der SA und SS. Das waren Nazis!“

„Nazis sind Scheiße!“, ruft einer der drei. „Hüpf, hüpf, hüpf du Nazi, hüpf du Nazi, spring, spring, spring!“ stimmen sie an und hüpfen dazu selbst immer wieder auf und ab. Dann steht einer der Polizisten vor ihnen. „Jetzt hört endlich auf!“, schreit er sie an und baut sich breit und bedrohlich vor ihnen auf. Ein weiterer Streifenwagen trifft ein, bleibt mit quietschenden Reifen stehen. Zwei Polizistinnen steigen aus und wollen den Kollegen unterstützen. Eine der Beamtinnen hat erkennbar einen türkischen Migrationshintergrund.

„Polizei SA SS!“, dröhnt es wieder aus dem Fenster. Der Wohnungsinhaber verharrt unterdessen still auf der Fensterbank. Er ist betrunken, hat auch Drogen genommen, zuvor Teile seiner Wohnung zerlegt. Nun ist ihm schlecht, ein Gefühl beschleicht ihn, als müsse er sich übergeben. Der Song lärmt weiter: „…wenn ’ne Demo ist, gebt ihr uns ’was drauf. Aber den Faschisten lasst ihr freien Lauf. Baader, Meinhof hingerichtet im Stammheimer KZ…“

„Hey, was will die Kanakerin hier?“, ruft einer der Schüler, als er die Polizistin sieht, deren Eltern aus der Türkei stammen und die in einem nahegelegenen Krankenhaus geboren worden ist. Die beiden anderen Jungen wenden sich ab von dem Schauspiel im Fenster und schauen in Richtung der Polizistinnen. Sie sehen nicht mehr, wie zwei Beamte den Mann aus dem Fenster zerren und er dabei versucht, nach ihnen zu treten.

Ob das diese Ausländerschlampe ist, von der Jonas immer erzählt?, denkt einer der Schüler. Längst sind seine beiden Kumpel ruhig geworden, beeindruckt von den Uniformen der Erwachsenen. Aus der Wohnung dröhnt keine Musik mehr, aber Geschrei wie bei einem Kampf oder Gerangel ist zu hören. Worte wie „Dreckbullen!“ wechseln sich mit „Idiot!“ und „Hurensohn!“ ab.

„Ey, du Schlampe“, sagt der eine Bube zu der Polizistin. „Man sieht deine Kopftuch unter die Mütze, Kanakin!“ Die Beamtin steht mit weit ausgerissenen Mund vor ihm und ist sprachlos. Ich habe noch nie im Leben ein Kopftuch getragen, denkt sie. Ihre beiden Kollegen versuchen, das Trio abzudrängen. „Los, macht, dass ihr zur Schule kommt!“, herrscht der Polizist sie an. „Isch hol’ gleich meine Bruder, Kanakerin! Der ist auch Bulle. Dann zeigt der dir deinen Rang auf. Dreckstürkensau!“

Der Junge wendet sich ebenso wie seine beiden Freunde von den Polizisten ab. „Los, ab dafür!“, ruft einer der Drei. Sie beginnen zu laufen und lachen dabei laut. „Hüpf, hüpf, wer nicht springt, der ist kein Deutscher, hüpf, hüpf!“, stimmt einer an und die anderen fallen in den Ruf mit ein, während sie weiter und weiter und weiter laufen.

***

Am Abend erzählt der eine von ihnen, er ist 14 Jahre alt, seinem großen Bruder von der Gaudi am Morgen. Der ist 19 Jahre alt und absolviert eine Ausbildung zum Polizisten. Und er erklärt seinem kleinen Bruder, der Song sei ein kommunistischer Hetzsong gegen die Polizei und der Mann im Fenster ein Drogensüchtiger, eine Schande für das Land, aber keineswegs ein Nazi. Hitler hätte so einen Abschaum nämlich vergast.

Der Bruder weist den 14-Jährigen auch zurecht, dass er deutsche Polizisten nicht beleidigen dürfe. Dass er jedoch die Kanakin beschimpft habe, sei cool gewesen. Er dürfe aber niemanden sagen, dass er, der große Bruder, dies gesagt habe, sonst verliere er noch seinen Job. Dann greift der 19-Jährige zu seinem Smartphone und schickt einer türkischen Polizeianwärterin aus seiner Ausbildungsgruppe über einen Kurznachrichtendienst die dritte Botschaft des Tages. „Na, hattest Du Kanakerin einen schlechten Tag? *KOPFSCHUSS!*“

(C) Michael Klarmann, September 2014 (Inspiration; Inspiration; Inspiration; Inspiration)