Der Fussel

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern! Walter denkt über diesen Sinnspruch nach. Ein Sprichwort, eine Volksweisheit, die Zeitungsmacherlogik schlechthin. Allerdings bedarf die Aussage einer Runderneuerung, denkt Walter. Sie passt kaum noch in die multimediale Welt der e-Paper, Online-Portale und Nachrichten-Apps. In Wirklichkeit war heute nichts älter als die Tageszeitung von morgen.

Walter ist ein gestandener Zeitungsmann, pensioniert zwar, aber weiterhin als freier Mitarbeiter für die lokale Tageszeitung tätig. Er erinnert sich noch an die Zeiten, in denen Journalisten Artikel in mechanische Schreibmaschinen hämmerten, die Manuskripte dem Setzer persönlich übergaben, der in mühevoller Kleinarbeit dann den Bleisatz bewerkstelligte, bevor der Drucker sich daran machen konnte, eine Tageszeitung zu erschaffen. Die Kollegen nennen ihn deswegen manchmal das Fossil der Redaktion, wegen seiner grauen Haare und dem zerzausten Bart manchmal aber auch schlicht: den Fussel.

Heute nämlich, denkt Walter, kann es passieren, dass man einen Polizeibericht und Fahndungsaufruf morgens in der Printausgabe sieht – und die Online-Redaktion hat schon den Artikel ins Internet eingestellt, in dem gemeldet wird, dass der Gesuchte in der Nacht aufgrund der Online-Meldung vom Abend schon gefasst wurde. Nichts wäre dann an einem solchen Morgen, denkt Walter, so alt, wie die Zeilen in der Druckversion.

Bei dem Polizeibericht von gestern konnte das jedoch nicht passieren. Laut der Meldung erwischten die Beamten in der Nacht zuvor einen 14-jährigen Buben, weil er mit drei unwesentlich älteren Komplizen Autos demoliert hatte. Die Polizei äußerte den Verdacht, dass das Quartett tagelang Autos beschädigt habe. Es gab demnach eine Serie, bei der die Täter auf Motorhauben geklettert und gesprungen waren, Windschutzscheiben ein- und Seitenspiegel abgetreten oder Reifen plattgestochen hatten.

Vermehrte Streifenfahrten und aufmerksame Anwohner ermöglichten es letztlich, dass die Behörde eine Erfolgsmeldung an die Presse aussenden konnte. Nachts um zirka 1 Uhr schnappte man demnach den 14-Jährigen. Walter seufzt und legt die vertraute Morgenzeitung zur Seite. Er überlegt, was er in diesem Alter angestellt hat. Und erinnert sich an einen Schneeballwurf, mit dem er einer Frau ein Fenster einwarf. Er und ein paar ebenso kostümierte Freunde spielten damals an Karneval Klingelmännchen.

Die Frau regte sich lauthals darüber auf, beschimpfte sie als nichtsnutzige Straßenlümmel und krakeelte, dass sie alle erkenne und gleich zu den Eltern gehe. Er, Walter, damals 13 oder 14 Jahre alt, formte seinerzeit also gegen 12 Uhr am Mittag den wohl nachhaltigsten Schneeball seines Lebens. Er wollte die Frau treffen, die am Fenster im zweiten Stock stand. Aber er verfehlte die geöffnete Hälfte des Fensters und traf die geschlossene Seite.

Die Scheibe zersprang, so feste hatte er den Schneeball geworfen. Und als er eine Stunde später nach Hause kam, war die Frau schon dort gewesen. Vater erwartete ihn, er war wütend und wollte zu Fuß den Versicherungsvertreter im Dorf aufsuchen, um den Schaden zu melden und die Kosten über die Haftpflichtversicherung abzuwickeln.

Ein Telefon konnten sie sich damals nicht leisten, insgesamt mochten in jenen Tagen nur drei oder vier Familien im Dorf einen Anschluss besessen haben. Eine Telefonzelle stand neben der Kirche und der eiserne Schutzmann, die Notrufsäule der Polizei, residierte damals neben der Sparkassen-Filiale. Wollte man einen Freund besuchen, ging man nachschauen, ob er daheim war.

Vater hat mir zwei Ohrfeigen verpasst – und ich musste zwei Wochen lang zur Strafe zweimal täglich den Schnee aus der Einfahrt und vom Hof räumen, denkt Walter weiter über jenen Schneeballwurf. Damals gab es noch strenge Winter, erinnert er sich an die Jahre, in denen manchmal in wenigen Stunden bis zu zwanzig Zentimeter Neuschnee fielen.

Das Wirtschaftswunder boomte, die ersten Gastarbeiter waren angelernt und die Konzerne träumten erst noch davon, mit der Einführung des Buntfernsehens einen Reibach zu machen. Meine Familie, erinnert sich Walter, hatte noch nicht mal einen Schwarz-Weiß-Fernseher, wir hörten vom Bau der Mauer zuerst im Radio und sahen die ersten Bilder davon abends in der Tagesschau bei den Nachbarn.

Der Klingelton seines Mobiltelefones beendet das Schwelgen in Erinnerungen. Walter schaut auf das Display und es zeigt ihm nicht nur die Rufnummer an, sondern auch den Namen des Anrufers. Walter meldet sich nicht, wie vor vielen Jahren noch üblich, als man laut und deutlich seinen Namen nannte. Er drückt die grüne Annahmetaste und sagt: „Hallo Jerome!“

„Ey, Alter, chill’ mal deine Basis!“, schreit der ihn an. „Bitte?“, fragt Walter. „Oh, sorry, Opa, da hab ich wohl im Register die falsche Nummer angetippt. Wollte eigentlich ’nen Kumpel anfunken. Der hat scheiße über mich im Fratzebook verzapft. Muss das fix klären, sonst boomt die Kacke durch. Tschüssikowski!“ Walter fühlt sich plötzlich noch viel älter als die Tageszeitung von gestern.

(C) Michael Klarmann, September 2014 (Inspiration)

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