Männerrunden

„Du solltest weniger rauchen!“ Gunnar schnaufte angewidert. „Sagt meine Frau auch immer“, antwortete er seinem Kollegen Mike. Die beiden Polizisten hatten gerade ihren Dienstwagen auf dem Parkstreifen am Teufelsdenkmal abgestellt und mit ihrer Laufrunde begonnen. Der Lousberg mit seinem Auf und Ab, den teils verschwungenen Wegen sowie den Treppen war ein beliebtes Ziel für die Beamten, um sich fit zu halten.

„Was gibt’s sonst Neues?“ fragte Mike. „Glaubst du nicht“, keuchte Gunnar. „Dir glaube ich alles, außer, dass du zu wenig rauchst.“ Beide lachten. Dann erzählte Gunnar von dem Fall, den er gerade bearbeiten musste. „Das müssen Vollprofis gewesen sein. Abgebrüht waren sie noch dazu. Steigen ins Autohaus ein, fahren mit einem Transporter auf das Ausstellungsgelände und montieren mitten in der Nacht die Auspuffanlagen an zehn Kleintransportern ab. Manchmal nahmen sie die ganzen Anlagen mit, manchmal nur die Katalysatoren.“

„Auftragsdiebstahl?“, hakte Mike nach. Unterdessen hatten sie die leicht abschüssige Straße zu Beginn ihrer Laufrunde hinter sich gebracht. Vor ihnen ging es nun rund fünfhundert Meter teils steil bergauf. „Wahrscheinlich. Denke mal, die Teile sind längst irgendwo in einem Transporter auf dem Weg nach Osteuropa“, antwortete Gunnar. „Glaube nicht, dass wir da noch etwas finden.“ Das Laufen setzte ihm nun mehr zu, er atmete noch schwerer. Scheiß Kippen, scheiß Berg, dachte er, und erzählte weiter.

„Ist manchmal abenteuerlich, was heute weg geht. Erinnerst du dich noch daran, wie jemand bei einem Schrotthändler mehrere Tonnen Kupferschrott gestohlen hat?“ Mike nickte. Auch ihm setzte nun langsam die Steigung zu. Ein Montainbike-Fahrer kam ihnen entgegen, bremste dann aber mit quietschenden Reifen ab und bog von ihnen aus gesehen rechts in einen der Waldwege ein. Sie selbst überholten zwei Spaziergänger. „Das muss denen mehrere tausend Euro eingebracht haben.“ Gunnar schüttelte den Kopf.

„Wir werden noch erleben, dass Schrotthändler ihre Betriebe wie Banken sichern, falls das mit den Metallpreisen so weiter geht. Die sind da durch einen Maschendrahtzaun rein und haben den Kupferschrott mit einer Schubkarre und Baubottichen weggeschleppt zu ihrem Auto.“ Unterdessen lag die Hälfte der Steigung hinter ihnen. Sie konnten schon die scharfe Linkskurve und eine der Aussichtsplattformen vor sich erkennen. „Nun“, japste Mike, „unsere Klientel geht mit der Zeit. Warum Banken ausrauben, wenn Schrottplätze lukrativer sind?“

„Mein Gott, ich wäre froh, endlich oben zu sein und locker traben zu können“, meinte Gunnar. Mike klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. „Schaffst du schon!“ Fang bloß jetzt nicht wieder mit dem Rauchen an, dachte Gunnar. Er tat Dienst im Raub- und Diebstahldezernat und war leicht übergewichtig; Mike war bei der Mordkommission und bearbeitete zeitweise auch Körperverletzungsdelikte. Standen diese im Zusammenhang mit Raubtaten, bemühten sie sich sporadisch auch gemeinsam, die Straftaten aufzuklären.

„Hast du die Story von der Bundespolizei gehört, wo das Pärchen schweinebackenbreit war und aus den Niederlanden einreiste?“ Mike sah zu Gunnar. Sie waren nun an der Kurve, rechts von ihnen lag einer der Aussichtspunkte. Bänke standen zwischen einigen Bäumen, ein Geländer und Sträucher grenzten die Freifläche ein. Sie glich einer Art Terrasse und es erinnerte daran, dass der Lousberg einst nach dem Vorbild eines Bürger- und Landschaftsparks entworfen worden war. Nur noch wenige Meter lagen vor ihnen, dann wurde die Route flacher. „Nöö“, röchelte Gunnar, „sach nur.“

„Er aus Mönchengladbach und sie aus Bonn, beide um die vierzig. Die Kollegen wollen sie im Zug kontrollieren und merken, dass etwas nicht stimmt. Sagen die beiden dann, sie seien nach Holland gefahren, um mit dem Hund ein paar Runden zu drehen.“ Gunnar konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Der Drogenschnelltest ergab, dass sie gedrückt hatten. Daher mussten beide mit zur Hauptwache, aber beim Filzen fanden die Kollegen bei ihm nichts. Das Geschirr des Hundes hatte aber Seitentaschen.“ Bingo, dachte Gunnar.

Endlich waren sie oben und das Laufen strengte sie nun sehr viel weniger an. „Zwei Pakete mit insgesamt siebenundzwanzig Gramm Heroin hatten sie der Töle umgeschnallt“, erzählte Mike weiter. „Und sie selbst trug am Unterleib einen Bodypack mit fast achtunddreißig Gramm.“ Gunnar sah erstaunt zu ihm rüber. „Beute für den Haftrichter!“ Er grinste. „Der Hund kam ins Tierheim, beide fuhren ein“, sagte Mike.

Sie hatten nun das kleine Wäldchen erreicht, verließen die Straße und liefen auf einem der Wege, die über die alten Halden des Feuersteinabbaus aus der Steinzeit führten, in Richtung Drehturm. „Würde man Bücher schreiben und erwähnen, dass beide sagten, sie seien in Holland ein paar Runden mit dem Hund drehen gewesen – ein Verlag würde den Rotstift zücken. Begründung: das sei noch unter dem Niveau der Scripted Reality!“ Beide mussten laut lachen.

Gunnar dachte angewidert an die extrem billig produzierten TV-Sendungen, in denen angeblich der Alltag von Polizisten, Privatdetektiven oder sogar völlig realitätsfernen Schulermittlern nacherzählt wurde. Selbst bei renommierten Fernsehkrimis staunte er manchmal, was sich Drehbuchautoren alles ausdachten zur Schilderung eines vermeintlichen Polizeialltages. Aber dieser Scripted Reality-Dreck, dachte er, das ist der dümmste TV-Schrott, den man sich nur vorstellen kann.

„Das Leben schreibt eben immer noch die besten Geschichten!“, rief Mike. Gunnar nickte vor sich hin. „Die Bauernschläue der Klientel!“ Ein Auto hupte, als sie kurz vor dem Erreichen des Drehturms aus dem Wäldchen heraus kamen und auf der Straße weiterlaufen wollten. Ich zeig dir gleich meine Marke, dachte Mike. Dennoch machten sie Platz und liefen auf die Aussichtsplattform mit dem Obelisken zu, von der aus man fast die ganze Stadt überblicken konnte. Sie würden dort nicht stoppen.

„Drehen wir die Runde fertig und laufen so runter, wie wir hochgekommen sind?“ Mike nickte. „Querfeldein“ – gemeint war damit, dass sie die Wege und Treppen am Hang des Lousbergs hin und her laufen würden – „liegt mir heute nicht. Gemütlich abwärts traben ist mir lieber.“ Sie ließen den Obelisken hinter sich. „So kurios, dass es selbst für Scripted Reality schon zu realsatirisch erscheint, war auch die Frau aus Rumänien, die mit ihrem Rock auf Diebestour ging“, setzte Mike an, über eine neuen Fall zu erzählen.

„Von der hab’ ich in der Zeitung gelesen. War das nicht in Düren?“, erkundigte sich Gunnar. „Ja. Die Kollegen haben mir den Fall mal zukommen lassen, nachdem ich sie darum gebeten hatte. Wir hatten da mal in Aachen eine ähnliche Tante, jedoch standen die beiden Fälle wohl dann doch nicht im Zusammenhang. War aber wirklich sehr unterhaltsam.“ Dann witzelte er: „Die aus Düren hat sogar bei Kik geklaut. Weil sie aber eine Wiederholungstäterin war und keinen festen Wohnsitz hatte, fuhr sie ein.“

„In Haft genommen? Wegen Kik?“, lästerte Gunnar. „Nun ja, aufgefallen war sie, weil sie mit einer anderen Frau aus Rumänien, bei der sie wohnte, in einem Supermarkt Erdbeeren, Hundefutter, Joghurt und Sahnekuchen im Wert von knapp fünfzehn Euro in einen präparierten Unterrock steckte. Die Kollegen stellten später die ungewöhnliche Diebstahlsschürze sicher und fanden in Tragetaschen zudem Billigtextilien.“ Gunnar grinste. „Diese Südosteuropäer. Geben sich so viel Mühe mit ihren Klauschürzen oder ähnlichem – und dann zocken sie Kik und Aldi ab“, witzelte er. „Schenkelklopfer“, fand Mike.

Sie erreichten wieder die Aussichtsplattform an der Biegung und liefen nun weiter bergab. „Meine Mutter hat immer gesagt: Junge, lern’ was Vernünftiges. Gegessen wird immer, mach’ Bäcker oder Metzger“, sagte Gunnar. „Und mein Vater meinte, gebaut würde immer, ich solle Architekt werden.“ Mike musste grinsen. Sein Vater war Polizist gewesen, also war auch er Polizisten geworden. „Mein Alter Herr hat immer gesagt: Kriminalität hat Zukunft. Komm’ zu uns.“ Nun musste auch Gunnar grinsen.

Bergab kam ihnen ein einzelner Läufer entgegen. Er nickte ihnen zu. Jogger, dachte Gunnar, sind wie Motorradfahrer in der Eifel; begegnet man sich, grüßt man kurz, egal, ob man sich kennt. „Und“, fragte er Mike, „was liegt aktuell bei dir an?“ Ihre Laufgeschwindigkeit wurde bergab deutlich schneller. „Unschöne Sache!“ Gunnar blickt zu ihm. „Mord?“ Mike winkte ab. „Raub in Verbindung mit gefährlicher KV. Die Sache mit dem Trio, das ein Pärchen ausrauben wollte.“

Dann erzählte er von dem Fall, bei dem am Abend zwei Jugendliche und ein junger Erwachsener ein junges Paar attackierten, um es auszurauben. Die Beiden hatten gerade ihr Auto abgestellt und wollten noch etwas bummeln. „Plötzlich springt sie das Kid aus einem Gebüsch heraus an, schlägt wild auf sie ein, drückt dem jungen Mann ein Messer in den Rücken und fordert Kohle. Zeitgleich erscheinen die beiden anderen und reißen an der Handtasche der Freundin.“ Ziemlich dreist, dachte Gunnar.

„Beiden gelang es, sich aus dem Gerangel mit den Dreien zu befreien und zu ihrem Auto zurück zu rennen. Kaum sitzen sie darin, schlagen die drei mit Fäusten und dem Messer auf die Karre ein, so dass eine Scheibe reißt. Dann jagen sie noch Pfefferspray ins Auto. Offenbar merkten sie dann, dass das Paar nicht aussteigt, aber mit dem Handy uns anrief, und die Sache wurde ihnen dann wohl zu heikel.“ Gunnar ließ im Laufen einen Fahren, aber Mike war so im Erzählen vertieft, dass ihm das nicht auffiel.

„Ein paar Ecken weiter wurde das Trüppchen dann von vier Streifen aufgegriffen. Die beiden Haupttäter waren, halt dich fest, fünfzehn und sechzehn Jahre alt und besaßen trotzdem schon ein akkurat gefülltes Register. Bei ihnen war noch ein 24-Jähriger, der war uns allerdings noch unbekannt als Straftäter.“ Mike schwieg nun. Sie waren wieder unten angekommen, links von ihnen konnte man weit über die Landschaft blicken. Gunnar meinte: „Hatte dein Vatter eben recht. Zu tun ist für uns immer.“

„Ich finde das dreist. Das war ein normales, junges Paar. Mehr als Handgeld und zwei Smartphones hätte das Trio denen gar nicht abnehmen können“, erboste sich Mike. „Die Zeiten werden eben härter. Früher hatte man ein paar Groschen in der Tasche und musste zur Telefonzelle. Heute, wo jeder sein kleines Multimediabüro bei sich trägt, ist das eben anders,“ sagte Gunnar. „Nicht zynisch werden!“, ermahnte ihn Mike.

Langsam näherten sie sich wieder ihrem Dienstfahrzeug. Rechts lag nun der kleine Spielplatz. Gunnar wies im Laufen mit seiner Hand in diese Richtung. „Alles ist relativ. Ich habe mal an einer Stadtführung teilgenommen, da erklärte uns die Dame, dass unter diesem Spielplatz ein Massengrab liegt. Das thematisiere man aber nicht öffentlich, weil es nicht ins Bild passt. Lustig spielende Kinder auf den Gebeinen verstorbener französischer Soldaten aus der Zeit Napoleons.“

„Worauf willst du hinaus?“ Mike sah ihn fragend an, ihre Schritte wurden langsamer, bald würden sie stoppen und den Sport mit ihren Dehnübungen beenden. „Damals hatten Napoleons Truppen das Rheinland besetzt. Es herrschte Krieg. Deswegen und wegen einiger Epidemien verreckten die Soldaten, und weil der Lousberg damals noch außerhalb der Stadt lag, karrte man die Leichen hierher. Bei aller Kriminalität in der heutigen Zeit – damals waren die Zeiten deutlich härter.“

„Nun mach aber mal ’nen Punkt!“ Mike giftete ihn förmlich an. „Ich finde es jedenfalls nicht normal, was hier manchmal abläuft. Letztens erst überfielen am späten Nachmittag drei Maskierte eine Pizzeria, nebelten die Räume ohne Vorwarnung mit Pfefferspray ein und schnappten sich dann die Kasse. Ist mir echt scheißegal, wie heftig es im Krieg ist oder war. In einer zivilisierten Gesellschaft darf so etwas jedenfalls nicht vorkommen“, schimpfte Mike weiter. Gunnar zuckte die Achseln.

„Lass uns mal locker machen“, sagte er. Beide begannen damit, sich zu dehnen. „Trotzdem rauchst du zu viel.“ Mike fand seinen Humor wieder. Dann fiel sein Blick auf einen der Reifen an ihrem Polizeiwagen. „Das Ding hat ja ’nen Platten!“ Gunnar sah zu dem Auto. Tatsächlich, dachte er. Beide beendeten jäh ihre Dehnübungen und gingen zu ihrem Dienstfahrzeug. Sie umrundeten es einmal und stellten fest, dass nicht nur ein Reifen, sondern alle vier platt waren.

Dann bemerkte Gunnar den Zettel, der an der Frontscheibe steckte. Er hob das Scheibenwischerblatt an, griff sich das Papier, faltete es auseinander und las: „Bullenschwein ärgere dich nicht!“

(C) Michael Klarmann, September 2014 (Inspiration; Inspiration; Inspiration; Inspiration; Inspiration; Inspiration)

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