Im Perspektivenwinkel nahe der Brandung am Junkieufer

Scheiß auf die Poesie. Scheiß auf die Gedichte, scheiß auf die Dichter. Wenn du schreiben willst, dann halts Maul und schreib.
Henry Rollins

Das Viertel ist Dreck. Wenn du von der Innenstadt und den Fußgängerzonen her am Junkieufer vorbei kommst, und dieses Viertel mit dem Überqueren der Fußgängerampeln betrittst, dann siehst du es. Die Leute wirken verstrahlt. Menschliche Scheißhaufen. Gottes letzter Furz, Samstags am Ende der Schöpfungsgeschichte weg gebläht zur Nachgeburt und hoch gepäppelt zur Freakshow für die Eliten.

Kleine dicke Frauen sehen aus wie Mutationen, tragen über ihren schwabbeligen Orangenhautexzessen, die nur Idioten Frauenbeine nennen, knallbunte und mehr als hautenge Leggings. Sie haben kläffende und jammernde und sich nur schreiend artikulierde Rotzblagen dabei. Manchmal schleppen sie Hunde mit, die überall hinscheißen oder hinpissen und wenn sie andere Hunde sehen, hysterischer kläffen als einst Hitler.

Die Männer rauchen Kette und trinken Dosenbier, wenn sie den Kindern endlich mal zeigen, wie man Straßen richtig überquert, weil die Frauen, die sie notgedrungen vögeln, dafür zu doof sind. Alle sehen aus wie aus Mutantenlabors der 70er importierte Retortenwesen. Und wenn ich sie sehe, dann bin ich immer sehr glücklich darüber, keine Waffe dabei zu haben. Ich glaube noch an den Weltfrieden. Aber nicht mehr an Proletarier, die man vereinen sollte. Höchstens im Testgebiet für Atombomben.

Ich lebe in diesem Viertel. Anfangs war es hier ganz nett. Der Pöbel war nicht da. Ich dachte, ich sei ein Pöbel, aber heute weiß ich, ich bluffte billigst. Doch mit und mit zogen die Müllmenschen aus Nachbarvierteln in unsere Gegend. Feindliche Übernahme. Heute brechen deren Kids unsere Keller auf, knacken Autos wie Fußballhooligans sich Nasenbeine zum Zeitvertreib. Die ganz Gewitzten schlagen die Seitenscheiben der Autos ein und klauen Wertgegenstände aus den Karren.

In Zeiten, in denen niemand von den Besuchern Handtaschen, Laptops oder Telefone und Kamerataschen mehr in den Autos liegen ließ, schlug irgendwer einem Kumpel sogar mal die Heckscheibe ein und klaute die Kiste mit leeren Wasserflaschen aus dem Kofferraum. Sechs Mark Pfand war der Reinerlös damals. Die Reparatur kostete meinen Kumpel 350 Mark. Er addierte das mal zu seiner zuvor immer gepriesene billigen Wohnungsmiete. Danach zog er um.

Hatte ich mich überhaupt schon vorgestellt? Ich bin Journalist. Ich schreibe über soziale Themen. Geile Sache. Letztens streikten wieder so ein paar Arbeitertierchen für die Wenigerstundenwoche bei supervollem Lohnausgleich. „Aber du musst doch mit uns solidarisch sein“, sagten mir Leute, die in einem Haus mit zwei Garagen leben, in denen zwei Autos stehen.

Menschen, die zweimal im Jahr in Urlaub fahren und Geld spenden an soziale Initiativen. Yow, dachte ich, solidarisch. Von meinen letzten Jahreseinnahmen sicherte sich erst kürzlich der Steuerberater knapp fünf Prozent. Er verplemperte dafür geschätzte zwanzig Stunden Arbeit gegenüber meinen 3.120 Stunden pro Jahr. Scheiß auf Solidarität!

Als Freiberufler war ich seit Jahren in keinem Urlaub mehr. Ich lebte auf 45 Quadratmetern inmitten von Menschenmüllhausen und die, die am meisten von meinen schlecht bezahlten, horrend vielen Stunden Dauerstressmaloche profitierten, waren mein Steuerberater und eine Handvoll Verleger von Zeitungen. Ich schaffte ihnen die Leser an, die Chefs lebten von ihren Anzeigenkunden.

Inhalte würden bei uns im Viertel eh nicht überzeugen können. Und, mal ganz ehrlich: Wieso sollten sich die Mutationen hier für Gen-Milch, soziale Gerechtigkeit, den Weltfrieden oder ausgerechnet auch noch den Umweltschutz interessieren, wenn sie sich noch nicht mal um die Zukunft ihrer Blagen scherten?

Letztens drehte wieder einmal einer ab. Der Kerl lief in der 30er Zone auf einen PKW zu. Der Fahrer glaubte noch an das Gute im Tier. Er drosselte sein Tempo. Aus Furcht, er würde den Irren anfahren. Doch der trat ihm einfach in die Fahrertüre und schrie, dass das Auto viel zu schnell gewesen sei. Dann steckte er durch das halb offene Seitenfenster eine Knarre in die Blechdose. Mit der anderen Hand polierte er dem Fahrer die Fresse. Der Fahrer gab geistesgegenwärtig Gummi und der Aushilfssheriff feuerte mehrmals die Pistole auf das Auto ab.

Warum sehe ich immer nur das Schlechte im Leben? Weil das Leben schlecht ist! Wäre es gut, wäre fast alles anders. Statt dessen lebe ich in diesem Viertel und frage mich manchmal morgens beim Einkaufen, ob die Nachbarn keinen Spiegel zuhause haben oder absichtlich so rumlaufen. Mittlerweile tue ich letztgenanntes auch – aus Faulheit und mangels Perspektive eigentlich, aber anderen Leuten erzähle ich, wenn ich mich zu sehr schäme, es sei aus Solidarität mit meinen Nachbarn. Wie jung man sterben kann, heutzutage.

Ich lebe im dritten Stock. Das Luxuriöse an meiner Wohnung in dem Eckhaus ist der Erker. Wenn ich dort sitze oder stehe und hinab auf den Spielplatz gegenüber oder die Straßen und Gehwege schaue, komme ich mir vor wie in einem Cockpit. Oder wie auf einer Kanzel. Am liebsten würde ich den Menschen dann zurufen: Ihr Abschaum, verpisst euch!

Aber meist stehe ich nur da, wenn mir langweilig ist oder ich Zerstreuung brauche vom Schreiben oder Recherchieren, und denke über das nach, was ich sehe. Bei mancher Dicken könnte ich kotzen. Warum lassen die sich so gehen? Und warum kleiden die sich so freizügig, dass man deren Bauchnabelpiercings für Ventile eines Rettungsreifens hält?

Ich lebe seit 16 Jahren in dieser Hütte. Mädchen, die ich vom sehen her kenne, seitdem sie die gut hundert Meter von meiner Wohnung entfernt liegende Grundschule besuchten, habe ich aufwachsen sehen. Manche schieben schon Kinderwagen vor sich her. Manchmal mit dicken Kindern drin.

Letztens sah ich spielende Mädchen, vielleicht acht oder neun Jahre alt, in lila Minikleidchen und mit Zöpfchen und selbstbewusst stampfend mit ihren dicken Beinen und scheiße erzählend mit ihren dicken Backen und schwabbelnd beim Gehen mit ihren dicken Bäuchen. Was soll aus denen mal werden? Deren Prollväter sagen, sie seien stolz darauf, Deutsche zu sein. Jungejunge.

Früher habe ich das alles nur mit Alkohol ertragen und mir den Abschaum schön gesoffen. Gott, was waren das Nächte. Ich habe dann aber mit dem Suff aufgehört. Doch dieses Viertel und die Stadt sind ohne Alkohol auf Dauer kaum zu ertragen. Alles hängt am Suff. Nun stehe ich lieber am Fenster und schaue Reality-TV. So wie vor ein paar Tagen, als es gut zwei Stunden vor Sonnenaufgang wieder einmal richtig rund ging – und ich nicht mehr schlafen konnte.

Zwei Typen stießen vor dem Haus Fahrräder und Motorräder um. Dann sprach sie ein Mann an. Helden, wie sie waren, gaben sie Fersengeld. Doch der Nachtschwärmer sprintete ihnen nach. Sie schlugen und traten ihn. Dann stand plötzlich ein anderer Mann ihm bei. Beide hielten einen der Randalierer so lange in Schach, bis die Polizei kam. Statt zu kapitulieren, wollte er die Cops auch umhauen und krakeelte, sie seien Hurensöhne. Von meinem Fenster aus besehen ein ganz besonders großes Kino.

Seit einiger Zeit sind immer mehr Junkies ins Viertel gezogen. Die meisten von denen müssen bei mir vorbei, wenn sie sich am Junkieufer sonnen und im Druckraum ihre Art von Ausgeglichenheit buchen wollen. Einer der Fixer rennt täglich fünfmal dahin. Ich wusste sofort, als ich ihn zum ersten Mal sah, dass er der Venen-Akupunktur frönt.

Er trug im Morgengrauen schon eine Sonnenbrille, schlenderte vom Äjtsch angecoolt vorbei, griff sich wie unbeteiligt eine auf den Altglascontainern abgestellte, leere Schnapsflasche. Mit voller Wucht holte er aus und atomisierte die Pulle auf dem Fußweg. Die kleinen Glassplitter spritzen ihm um Schuhe und Beine umher, als sei Krieg und Bombenhagel. Ungerührt ging er weiter.

Ich habe es ihn zwar nie wieder tun sehen, aber wenn er zum Junkieufer geht, dann wirkt er nervös und schreitet wie mit einem Axtstiel im Arsch. Kommt er zurück, ist er cool. Sein Gang wirkt locker. Er schlendert wie einer dieser abgebrühten HipHop-Kiddies. Er nickt mit seinem Kinn und schiebt es bei jedem Schritt leicht vor, als höre er einen Song, den nur er hört.

Heroin ist für ihn Gottes Sohn. Wenn ich ihn sehe, dann fällt mir die Bierwerbung ein, in der Yuppies sich zuprosten: „Keine Kompromisse, kein anderes Bier!“ Eigentlich ein Spot, gemacht, wie um Äjtsch zu beschreiben.

Streng genommen sind die Junkies nur eine weitere Seuche im Viertel. Selbst die Tierarztpraxis ums Eck hat Schilder an der Fensterfront anbringen lassen, dass weder Bargeld, noch Drogen in den Räumen zu finden sind. Da sind sie in Reihe eingestiegen. Fenster aufgehebelt und Praxis verwüstet auf der Suche nach einem kleinen bisschen Glück.

Zwei oder drei von den Äjtschcoolen fahren mit abgewrackten Fahrrädern durch die Gegend. Wenn sie ans Junkieufer wollen, um sich ihre Art von Sonnenschein einzufahren, dann sitzt ihnen der Affe auf dem Gepäckträger. Es verwundert, dass die bisher noch nie einen ernsthaften Unfall verursacht haben.

Einer von denen fährt sogar auf oder über eine vierspurige Straße, als gebe es nur ihn und nicht die teils rasenden Autos. Weder Ampeln noch Autos scheinen ihn zu beeindrucken. Letztens saß er mir fast auf der Motorhaube. Hupen interessiert den nicht die Bohne.

Hat er sich’s dann reingepfiffen, sitzt er arschlocker auf seinem Sattel und fährt strahlend wie ein Castortransport heim. Vorher drehte er am Rad des Turkey und achtete nicht auf den Verkehr; nun denkt er in seinem Drogenwahn an alles, außer an den Verkehr, auf den er wieder nicht achtet.

Letztens las ich in der Zeitung, dass jemand in meiner Nachbarschaft von solchen Buben übel gelinkt wurde. Scheinbar war der Abgezockte neu im Viertel, wusste noch nicht, wie der Hase hier läuft. Ein Junkie hatte dem Kerl erzählt, er komme aus einem anderen Kaff, als sie sich beim Saufen in einer der Kneipen kennengelernt hatten. Schlechte Busverbindung. Ob er nicht bei ihm pennen könne bis zum Morgen, wenn die Busse wieder rollten. Als mein Nachbar aufwachte, war der Junkie weg.

Zudem fehlten ein Laptop, ein Smartphone, das Portemonnaie, der Haustür- und Autoschlüssel, dazu eine Reihe von Klamotten. Das dreiste Schwein wollte aber noch mehr haben. Als mein Nachbar mit den Bullen in der Wohnung war, schloss der Verstrahlte die Wohnung auf. Die Cops zockten ihn sich auf frischer Tat und gleich dazu den zweiten Drogenfreak, der mit dem unterdessen mehrfach gedellten Auto des Nachbarn und laufendem Motor gewartet hatte, um weiteres Klaumaterial abzutransportieren. In der Zeitung stand, die Junkmaden hätten einen Schaden von rund 35.000 Euro angerichtet.

Die Lust zur Selbstzerstörung scheint auch das Viertel mehr und mehr zu erfassen. Kinder jener Eltern, die ich am liebsten in ein Atombombentestgebiet bringen lassen würde, versuchten letzten Winter wieder und wieder, Tische, Bänke und aus Holz gebaute Spielgeräte auf dem Spielplatz anzuzünden. Mehrmals musste die Feuerwehr anrücken, um die mit viel Altpapier gelegten Brände zu löschen.

Die älteren Geschwister haben aus einem Häuschen an der Rutsche Dachbretter herausgeschlagen. Früher saßen sie bei Regen immer in dem Ding. Heute regnet es rein. Die denken nicht einen Millimeter an sich selbst und an die Folgen ihres Scheißebauens. Mittlerweile stellen sie sich bei Regen an einem der drei Eckhäuser – in einem davon lebe ich, siehe oben – unter die Erker. Da sie sich für gewöhnlich nur schreiend unterhalten, ist es ein Dauerlärm der Kindergangster.

Lärm ist das schlimmste hier – und ständig da. Morgens rennen die Kids zur Schule oder wieder nach Hause und schreien sich als Arschficker, Pissnelke oder Riesenpimmelschwein an. Mittags melden sich die, die keine Jobs finden, ähnlich zu Wort. Nenn ihre Zweitagesfreundin dann Tusse, und sie wollen dich töten. Sie selbst nennen dich Pimmelgesicht und verarschen alte, wackelige Omas. Im Winter bombardierten sie solche mit Schneebällen. Immerhin besser, als sie täglich auszurauben.

Nachmittags gesellen sich dann die älteren Schüler zu dem Rotzvolk und machen bei denen, die keinen Job finden, eine Ausbildung im Scheißebauen 3.0. Aus tagelangem Klingelmännchen als kleines bisschen Terror für die Anwohner wird dann Herumsitzen auf den Motorhauben der Autos der Anwohner, gegen Autotüren treten oder Seitenspiegel wegkicken. Abends wird dann lieber auf dem Spielplatz randaliert. Oder, wenn es regnet, unter den Erkern.

Manchmal ziehen sie um die Häuser, knacken ein paar Autos oder Fahrräder und schon ist der Tag vorbei. Außer in den letzten Ferien. Da hatte die Polizei jeden Abend Einsätze auf dem Spielplatz. Alle durften länger raus und lärmten um die Wette. Ich dachte ernsthaft darüber nach, eine Scharfschützenausbildung anzutreten. Die Polizei beklagte in jenen Tagen einige Einbrüche in einen am Spielplatz angrenzenden, integrativen Kindergarten für Gesunde und geistig Behinderte. Solidarität Schwächeren gegenüber ist den Arschmaden fremd.

Das beste an alldem ist, dass die Eltern fast alle wissen, was ihr Nachwuchs, den mancher Phantast immer noch die Zukunft unseres Landes nennt, so treibt. Viele der Eltern leben in Hörweite des Krachmachens. Andere kriegen über den Vierteltratsch mit, was alles passiert und wissen, wo sich ihre Hausmonster herumtreiben.

Einige haben schon Besuch von der Polizei gehabt. Haben sie vor ihren eigenen Duftmarken kapituliert? Wollen sie nichts dagegen tun? Warum tun sie das der Gesellschaft an und warum vögeln sie immer noch weiter und scheißen später solchen Menschenmüll aus? Und ist Sex eine wirklich so starke Droge, dass er sie unsinnig macht?

Seit Wochen schon sind zwei oder drei Straßenlampen im Umfeld meiner Wohnung kaputt. Eine richtig finstere Ecke ist das geworden, trotz Spielplatz und viel befahrener Straßenkreuzung. Man sollte eigentlich meinen, die Stadtverwaltung hätte ein Interesse daran, derlei Ecken und Kanten in einem Rotzvolkviertel solide auszuleuchten.

Aber es schert sich niemand darum. Es bleibt einfach dunkel, wenn es nachts dunkel wird. Sozusagen eine Einladung, noch ein paar Autos zu knacken. Vielleicht hat aber auch noch niemand aus der Nachbarschaft die Stadtverwaltung angerufen, wegen der kaputten Lampen. Völlige Resignation – auch ich wähle diese Nummer nicht!

Seit einiger Zeit steht eine Horde Mütter an der Straßenecke. Sie tratschen dort jeden Morgen, also Montags bis Freitags. Vor dem allmorgendlichen Meeting haben sie ihre Kinder zur Schule gebracht. Ab 8 Uhr palavern sie dann vor sich hin. Regnet es, passiert es nur kurz. Ist schönes Wetter, dann kann es schon mal gut 45 Minuten dauern, bis der neueste Klatsch ausgetauscht ist.

Sie rauchen dabei, jöstern, lachen, grölen. Und tratschen. Ihre Miniaturausgabe von Gossip City gleicht meinem persönlichen Waterloo. Wenn meine Fenster in der Küche oder im Schlafzimmer offen stehen, kann ich sie ungewollt belauschen. Hören will ich es aber nicht. Meist sitze ich dann auch schon am Küchentisch. Frühstückspause.

Und schließe das Fenster und schaue im TV das Morgenmagazin. Manchmal weiß ich nicht, was schlimmer ist. Die Glotze oder die Tratschweiber. Sollte ich jedoch noch schlafen, wecken sie mich. Es macht mich wahnsinnig. Offenbar glauben die Waschweiber, in Eckhäusern lebten keine Menschen. Tun sie aber.

Ich kann Lärm nicht mehr ertragen. Lärm macht die Menschen krank. Ich wiederhole mich – siehe oben –, aber ich lebe in der Lärmhölle. Seit 16 Jahren. Am Morgen kommen zu dem anderen Krach noch die Post- und Paketboten und die Werbezettelverteiler dazu. Sie alle schellen Sturm, wie man so sagt.

Man sitzt hier, will arbeiten, hat die zur Schule lärmenden Kinder und deren Mütter überstanden, ohne mit Panzerfäusten um sich zu schlagen. Schon kommen die anderen Plagegeister. Sie klingeln, als sei Atomkrieg. Manche wollen nur, dass man ihnen die Tür öffnet und sie etwas in den Flur werfen können. Andere wollen Pakete für Nachbarn, die nicht da sind, loswerden.

Einmal pro Woche verwandelt dann parallel zu dem ganzen anderen Lärmvolk auch noch die Müllabfuhr das Viertel in ein akustisches Schlachtfeld. Früher beschränkte sich deren Blitzkrieg auf das Leeren der Grauen Tonnen. Die Müllwerker mussten dazu ins Haus und schleppten sie aus dem Keller. Sie klingelten einmal für das Rausholen, dann lärmte der Müllwagen vorbei, dann kam die Nachhut und klingelte, damit man ihnen die Türe öffnete und sie die geleerten Tonnen wieder zurück bringen konnten. Aber das war einmal!

Heute haben wir auch Blaue und Grüne Tonnen. Und Gelbe Säcke. Und seitdem in Sachen Müllabfuhr und Wertstoffabholung allerlei privatisiert wurde, kommen auch allerlei Firmen zu Besuch. Zuerst klingelt die Müllabfuhr, dann kommen die Kerle für Bioabfälle, dann jene für Altpapier und zum Schluss die Gelben. Sie alle wuchten den Scheiß aus dem Keller, knallen die Tonnen lautstark auf die Straße und unterhalten sich dabei unentwegt, indem sie sich anschreien wie hundert Hitler diskutieren würden.

Dann rollen die Müllwagen rumorend durch die Straßen. Für jede Abfallart eine Riesenwumme an Krachmanufaktur. Schreiend und lärmend werden sie befüllt. Und am Ende bolzt die Nachhut durchs Viertel, klingelt sich lauthalsstark ins Haus und bringt die leeren Tonnen zurück.

Dann herrscht also Psychokrieg. Vier Stunden lang Kinder, Mütter, Müllabfuhr und Zusteller oder Werbefutzis. Ein Wasserstoffbombenwumms wäre mir da plötzlich lieber. An solchen Tagen sitze ich dann vor dem Computer und trage Hörschutz. Ich bin übrigens Journalist, kein Bauarbeiter.

Ein Freund erzählte mir einmal davon, dass neben dem Spielplatz zwei Räuber einen Pizzaboten hochgenommen haben. An einem Samstag, kurz vor Mitternacht. Beide hatten mit ihren Smartphones im Internet Pizza geordert und den Boten zu einer falschen Adresse im Viertel gelotst. Als er per Mobilfunke nachfragte, wo sie seien, lockten sie ihn zu einem zufällig am Spielplatz geparkten Sprinter. Sie drückten ihm den Revolver auf die Stirn. Ohne Widerstand gab er die Kohle ab. Sie flohen unerkannt.

Es gibt sicher auch nette Menschen im Viertel. Aber sie werden weniger. Früher lebten wir hier in der Gegend mit vielen Bekannten und Freunden. Irgendwie bin nur ich übrig geblieben. Ich komme mir vor wie ein Fossil. Versteinert auf fünfundvierzig Quadratmetern. Freunde und Bekannte zogen weg und wurden Eltern.

Plötzlich wird man zu Geburtstagen eingeladen, die am Nachmittag beginnen, weil ja nun alle Kinder haben. Ich habe keine. Und einmal luden mich welche sogar auf einen Kindergeburtstag ein. Lauter Rotzblagen mit vom Kuchen verschmierten Mündern und Limmooo auf den Klamotten. Meine Freunde mussten mich wirklich hassen, mich zu einer solchen Gaudi einzuladen.

Ich kann Kinder nicht ab. Sie sind fast immer laut. Ich weiß, dass sie alle einmal meine Rente zahlen müssen, dass sie per Sozial- und Steuerabgaben mal die Löhne der hübschen Schwestern zahlen sollen, die mir als Tattergreis dereinst den Arsch pudern. Aber ich hasse sie. Es ist dieses Laute. Ich meine, Kinder waren immer laut. Spielen ist laut.

Ich frage mich nur, warum sie sich in unserer Gegend nur unterhalten können, wenn sie sich gegenseitig anbrüllen. Warum schleppt so ein gestörtes Ding Steine auf die Rutsche des Spielplatzes? Um sie polternd herunterzuschubsen! Eine Stunde lang! Ein Kind stand mal über Tage am Spielplatztor, öffnete es und warf es dann mit voller Wucht wieder zu. Nach etwas Übung schaffte das Balg 30 Beats per minute. Verhaltensgestört ist nichts dagegen. Kinder sind Mist.

Natürlich bin ich schwerhörig. Auf dem rechten Ohr höre ich so gut wie nichts mehr. Außengeräusche zumindest. Was ich auf dem tauben Ohr aber höre, ist ein ständiges Pfeifen und helles Rauschen. Herr Tinnitus. Der Hörschaden ist die gute Ernte lauter Umgebungen. Das Pfeifen kommt vom alltäglichen Stress. Manche Töne sind wegen des Zusammenspiels von Pfeifton und Schwerhörigkeit nur noch schlecht, undifferenziert oder gar nicht wahrnehmbar. Deswegen höre ich auch sehr laut Radio. Fernsehen höre ich auch.

Ich hasse Lärm – und baue freilaufenden und munteren Lärm zugleich für meine Umwelt in meinem Isotop mit an. Welch Wahnsinn! Doch der daraus resultierende Dauerstress hat auch etwas Positives. Immerhin ereilt die meisten Menschen ein Herzinfarkt nur in einer Ruhephase. Außerdem kann ich, wenn es drunter und drüber geht, nicht über die Zukunft nachdenken.

Sonst käme ich noch auf die Idee, mich diesem Wahnsinn durch einen putzigen Selbstmord zu entziehen. Aber eigentlich bin ich sowieso so entschlussunfreudig, dass ich Jahre darüber nachdenken würde, aber nie zu einer Entscheidung käme, ob diese Kreuzfahrt gut für mich wäre. Sollte mich der verdammte Lärm also nicht killen, dann würde ich vielleicht als erster Selbstmordkandidat eines natürlichen Todes sterben.

Ich finde, das ist eine Perspektive.

(C) Michael Klarmann, September 2014, basierend teilweise auf Skizzen aus 2010/2011 (Inspiration; Inspiration; Inspiration; Inspiration)

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