Nicht sein Jahr

Endlich waren sie gekommen, ihm zu huldigen. Die blauen Lichter tanzten durch die Nacht, überall Rufe, Männer in gleichförmiger Kleidung, die ihm und den anderen zuwinkten und dabei Jubelrufe ausstießen. Es hatte seine Zeit benötigt, sich der Welt zu zeigen und den Tribut einzufordern, der ihm zustand. Dann ertönte das laute Geräusch. Die anderen gerieten in Panik. Er auch.

Sie stürmten wild auf eines jener Dinge zu, die die blauen Lichter auf ihren Dächern trugen. Zwei seiner Untertanen prallten mit ihren Hüften gegen das eigenartige Metall und schlugen schwere Dellen hinein. Er selbst wurde von zwei anderen angerempelt und geriet ins Schleudern. Er streifte mit seinen Beinen einen der Männer, der ihm eben noch zugejubelt hatte. Das war unschön, so ging man nicht mit künftigen Gefolgsleuten um.

Vor mehreren hundert Jahren war er verstorben. Es hatte eine Ewigkeit gedauert, erneut in diese Welt treten zu können. Nun war er ein wiedergeborener Christ – und hatte den Schock noch immer nicht überwunden, dass er als Rindvieh zurückgekommen war. Er konnte sich nicht verständlich machen, nicht kommunizieren – und dieses Zeitalter war ihm fremd und unbegreiflich.

Eigenartige Dinge, die sich über Wege wie von Geisterhand bewegten und dabei dröhnenden Lärm und schlechte Luft erzeugten. Licht, das ihn aus den Dachverstrebungen heraus ansprang. Laute Vögel, die manchmal über die Weiden kreisten. Gerätschaften, die man an ihn klemmte, ihn zu melken. Warum war er eigentlich eine Kuh? Noch nicht einmal die Wiederkehr als stämmiger Bulle hatte Gott ihm vergönnt! War das eines großen Herrschers würdig?

Gut eine Stunde zuvor waren sie ausgebrochen von der Weide. Ihr Hüter hatte einen Fehler gemacht, er selbst den Zaun an einer günstigen Stelle öffnen können. Seitdem zogen er und die anderen durch die Straßen. Er wollte zu seiner Marienkirche, die Reichsinsignien erhalten und seinen ihm rechtmäßig zustehenden Platz auf dem Thron einnehmen, dann würden alle sehend sein. Aber diese Stadt hatte sich so sehr verändert. Sie waren auf einer Anhöhe, nicht im Tal, wo er seine Pfalz erbaut hatte.

Überall ragten komische Bauten empor mit Wänden, geschaffen wie mit einem Lineal, viele offenbar erbaut ohne einen einzigen Steine zu verwenden. Statt auf roher Erde oder Pflastersteinen liefen sie auf unendlichen und glatt wirkenden Wegen aus einem Baumaterial ähnlich des Schiefergesteins. Bunte, tanzende Lichter hingen manchmal über ihren Köpfen wie Fackeln zu seiner Begrüßung.

Schließlich näherten sich ihnen die Dinge mit den blauen Lichtern. Männer in eigenartigen Gewändern waren daraus hervorgekommen. Er hatte versucht, ihnen deutlich zu machen, wo sie ihn hinzugeleiten hatten. Sie winkten, jubelten, riefen ihre Begeisterung über sein Wiedererscheinen laut in die Nacht hinaus. Anscheinend verstanden sie ihn, denn sie führten seine kleine Schar auf einen Platz. Um sie vor hinterhältigen Attacken zu schützen, positionierten sich die Männer und deren Dinge rings herum.

Was mochte bloß aus den Sachsen geworden sein?, dachte Charlemagne. Hatten sie sein geliebtes Aquisgranum besetzt, oder nur Teile davon? Mussten die Männer sie schützen vor diesen barbarischen Mörderbanden, die immer noch ihr Unwesen trieben? Oder, schlimmer noch, waren es gar selbst Sachsen, die noch nicht erkannt hatten, wer er war? Das könnte auch ihre eigenwilligen Gewänder erklären.

Indes: Was würde geschehen mit ihm, wären es wirklich Sachsen? Charlemagne kam sich angesichts dessen, dass er nicht sprechen konnte, wie ein Nichtsnutz vor. Als er das dachte, erfolgte jener Moment, in dem das helle, jaulende Geräusch erklang und ein roter Blitz wieder und wieder durch die Nacht zuckte. Charlemagne hatte den für seine Ohren schmerzhaften Ton schon öfter gehört, als sie auf der Weide lebten.

Doch so nah und laut ängstigten das Signal und die Blitze ihn und seine Getreuen. Panik kam auf, sie stürzten auf die Männer zu, die ihnen dennoch weiter zuwinkten. Es kam zu unschönen Begebenheiten. Alle preschten weiter und weiter. Und immer wieder jubelten ihnen die Uniformträger zu, säumten ihren Weg. Andere davon stellten sich vor ihnen auf, wedelten mit ihren Armen, taten so, als wollten sie sie umarmen.

Was für Narren, dachte Charlemagne angewidert. Offenbar waren sie blind vor Zuneigung zu ihm und seiner Gefolgschaft – oder wollten sie sich opfern für eine höhere Sache? Charlemagne mühte sich trotz seines Widerwillens weiter damit ab, seine Herde zu beruhigen und die Menschen zu belehren, aber niemand achtete auf ihn. Was ist nur aus mir geworden?, dachte er zerknirscht.

Mit lauten Muhrufen maßregelte er die Untertanen, doch sie stoppten erst, als diese Dinger mit den blauen Lichtern ihnen den Weg immer wieder versperrten und man sie auf einen staubigen Pfad abdrängte. Dann trieben die Männer sie auf eine Weide. Charlemagne erschrak, als sie die Zäune schlossen. Ohne weitere Huldigungen und Jubelrufe blieben sie außerhalb seines neuen Einflussbereiches zurück und entzogen sich so seiner Regentschaft.

Einige entfernten sich, andere schufen gar mit ihren Händen Feuer und pusteten manchmal Rauch in die Luft, dessen Geruch ihn an jenen erinnerte, den die Dinger ausstießen. Sachsen, dachte er angewidert, warum hatte er diese unzivilisierten Kulturbanausen bloß nicht sofort wiedererkannt!

(C) Michael Klarmann; September 2014 (Inspiration)

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