Archiv für Oktober 2014

Am laufenden Band

Stille. Ein Geruch von Kanalisation. Manuel hockt auf der Schüssel, Sitz und Deckel gut verschlossen, eine Zeitung aufgeschlagen vor sich auf den Knien. Er fragt sich schon lange nicht mehr, warum er ausgerechnet hier Pause macht. Zwei Waschbecken mit Seifenspendern und Spiegeln, Ablagen für die Papierhandtücher, acht Pissoirs, sieben Toilettenkabinen. Die dritte Nachtschicht diese Woche, zwei sollen noch folgen. Lust hat er keine mehr.

Die Hallen und Produktionsanlagen rund um den Toilettenbau sind still und nur notdürftig beleuchtet. Da, wo seine Linie läuft, steuern neun weitere Kollegen die Produktion, auch während der Nacht. Einer von ihnen arbeitet als Springer. Ein Springer löst ab, falls man sein Geschäft oder andere Dinge abseits des Fließbandes zu erledigen hat. Wobei: Nachts berechtigt eigentlich nur die reguläre Pause, oder eben ein außerplanmäßiger Toilettengang eine Ablösung.

Ein Trick also, das mit der Toilette. Und immer dann geht Manuel in der erschwindelten Zusatzpause hierher, zu dem Toilettentrakt, der eingeklemmt liegt zwischen einer Produktions- und zwei Lagerhallen, in denen nur tagsüber gearbeitet wird. Hier setzt er sich hin, als müsse er sein Geschäft verrichten und liest in der Zeitung. Und er denkt nach. Nie aber isst er. Überwiegend sauber sind die Wände. Nur manchmal hinterlässt jemand Kritzeleien. Etwa: „Dieter hat hier schon onaniert!“

Diese Kleinlichkeit des Spießbürgertums, denkt Manuel, schafft Deutschland ab. In der Zeitung hat er gelesen, dass Zeugen zu Wochenanfang gegen zehn Uhr am Abend zwei Personen mit dunkler Hautfarbe beobachtet haben, die mehrere Säcke mit Altkleidern aus einem Container mitnahmen. Die Zeugen wählten den Notruf. Doch als die Polizisten eintrafen, waren die Schwarzen bereits weg und konnten nicht mehr gestellt werden.

Als hätte die Polizei nichts Wichtigeres zu tun, findet Manuel. Doch in Deutschland sollte man sich wohl besser nicht aus einem Altkleider-Container bedienen. Es ist Eigentum, selbst wenn sein Inhalt auf dem Weg ist, irgendwo zwischen Resterampe, Verwertung als Putzlappen, Kleiderspende an Afrika oder Abfall zu enden. Reinschmeißen darf man alles in diese Kisten, rausnehmen nichts. Hätten die Zeugen vielleicht angerufen, wenn er, weiße Haut, einen Sack stibitzt hätte? Das hält er für keinesfalls unrealistisch. Gut, dass niemand hier die Abwässer abzweigt, beispielsweise für die eigene Biogasanlage, denkt Manuel.

Er hört Schritte, jemand betritt die Toilettenanlage. Schwere Sohlen von Stahlkappenschuhen, auf nacktem Kachelboden, der vulgäre Beat der Arbeiterklasse. Tür auf, Tür zu, das Schloss rastet ein. Das Knistern und Schaben von Kleidung. Manuel sitzt still, atmet flach – und leise. Er achtet darauf, dass seine Zeitung nicht raschelt. Er weiß, wer sich hier an den Toilettenwänden verewigt, mit einem dicken, schwarzen Filzstift: „Dieter hat hier schon onaniert!“

Er hört Dieter. Er weiß, was jetzt kommt. Er ist ihm irgendwann einmal hinterher gegangen. Bis dahin war es nur ein Gerücht gewesen, eine bloße Vermutung. Doch Dieter war tatsächlich ein Freak. Intelligent zwar, aber im Besitz eines Riemens wie der eines Maultieres. Das wusste Manuel von einem Foto, das Dieter ihm einmal gezeigt hatte, bei einer Nachtschicht. Damals feierte jemand Geburtstag, und man trank in der regulären Pause ein paar Dosen Bier. Heute war es Dieter peinlich, dass er das Bild, das ihn nackt vor einem Spiegelschrank zeigte, aus einer Bierlaune heraus hatte rundgehen lassen.

Manuel hört das Rascheln von Papier, hört das Umblättern. Nicht sein Papier. Mal wieder die Heftchen, denkt Manuel. Kollegen machten sich einen Spaß daraus. Sie legten Dieter in die Schubladen seines Pultes Sexheftchen, sie wussten, das brachte ihn um den Verstand. Er selbst hatte es damals allen erzählt. Auch dann, wenn er in festen Beziehungen war, war sein Sexualtrieb unstillbar. Ja, er schien Dieter zuweilen fast körperlich auszulaugen. War er solo, besuchte er fast täglich die Bordelle der Region. Oder er hing in jenen Diskotheken herum, die als Baggerschuppen berüchtigt sind. Für einen 55-Jährigen ein Leben, das sich gefährlich dem Rand des Abgrunds annäherte.

Bisweilen hatte der Kollege sich während der Schicht im Griff. Fielen ihm aber die Gaben der anderen in die Hände, war es vorbei mit seiner Selbstbeherrschung. Beim Anblick der Bilder war er sofort angespitzt – und musste sich unisono Erleichterung verschaffen. Als Kontrolleur, der in den ihm vorgegebenen Abständen Stichproben aus der laufenden Produktion überwiegend visuell prüfte, war Dieter der einzige Kollege der Schicht, der sich quasi selbst abzulösen konnte. Ein Privileg!

Manuel hört Dieter auch jetzt wieder schwer atmen. Gibt es einen armseligeren Ort, denkt er, als eine Toilette zwischen Produktions- und Lagerhallen, um morgens kurz vor 4 Uhr an sich herumzuspielen? Manuell lacht fast laut, kann sich aber beherrschen. Er wartet ein paar Minuten. Die Atmung von Dieter lässt darauf schließen, dass er bald zum Ende kommen wird. Längst hat Manuel vergessen, dass er sich über die Polizeimeldung im lokalen Anzeigenblättchen aufgeregt hat.

Heute, denkt er, hinterlasse ich den Kollegen keine Botschaft. Sie wissen sowieso, was Dieter hier treibt. Heute, sagt er sich, mache ich es anders. Dass er seine Blaumannhose an hat, erleichtert ihm sein Vorhaben ungemein. Manuel lauscht weiter, grinst innerlich voller Vorfreude. Als er glaubt, dass Dieter gerade richtig in Fahrt kommt, steht er auf, zieht die Kette der Spülung, öffnet blitzschnell die Tür seiner Kabine und verlässt mit der immer noch aufgeschlagenen Zeitung in einer Hand, schnellen Schrittes die Toilette.

Er tritt zudem im Vorbeigehen gegen den Metallabfalleimer unter einem der Waschbecken, dass es nur so scheppert. Und erst, als er vor der Türe des Toilettentraktes angekommen ist, prustet er los. Sein Lachen hallt durch die leeren Hallen, und eine der wenigen Deckenlampen, die um diese Zeit die Fußwege beleuchten, surrt leise dazu.

(C) Michael Klarmann; Oktober 2014 (Inspiration)