Verwechslung, nachhaltige

„Darf ich fragen, aus welchem Grund unser Gewerbe Sie anspricht?“ Der Mann sieht ihn neugierig an. Er ist um die 50 Jahre alt, trägt einen schwarzen, sehr edel wirkenden Anzug, Bart und lange Haare. Johann ist 17 Jahre alt, seinen Hauptschulabschluss hat er vor einem Jahr mit einem schlechten Notendurchschnitt absolviert. Es ist sein viertes Vorstellungsgespräch. Neben dem Mann sitzen eine junge, außerordentlich hübsche Frau in einem eng anliegenden, bunten Kleid und ein Mann im Rentenalter, der sich ständig Notizen macht und wegen seines grauen Anzugs äußerst bieder wirkt. „Weil ich Geld verdienen will!“

„Sie nennen in Ihrer Bewerbung aber kaum Referenzen“, ermahnt ihn die Frau und lächelt ihn fast sanft an. „Für unseren Berufsstand ist das etwas mager. Die meisten Bewerber mit so wenigen Vorbelastungen haben später keineswegs mit einem Zertifikat oder gar dem Diplom in die freie Wirtschaft wechseln können. Bedenken Sie bitte, dass auch wir unsere Ressourcen schonen müssen!“ Johann blickt verschämt zu Boden. „Es lief eben nicht so gut, bisher“, nuschelt er. Dann aber schaut er auf und sagt mit fester Stimme: „Wissen Sie: Ich bin begabt, aber mir fehlt der letzte Schliff. Um ihn zu erlangen, bin ich hier.“

„Der letzte Schliff?“ Der Senior und Bürokrat blickt ihn an und macht sich keine Notizen mehr. „Beleidigen Sie nicht unseren Berufsethos!“ Er wedelt mit dem Bewerbungsschreiben, dem Lebenslauf und der tabellarischen Übersicht mit Johanns Referenzen. „Hier steht, dass Sie mit einem Kumpel morgens auf dem Schulweg am Bushof einer jungen Frau, die gerade ihr Geld zählte, um sich in einem Kiosk etwas zu kaufen, bestohlen haben. Das habe ich doch korrekt wiedergegeben, oder?“ Johann nickt. „War das im September, vor einigen Wochen?“ Er schaut verschämt, nickt wieder.

Der Bürokrat zückt ein Blatt Papier. Das Trio beginnt zu tuscheln, das Papier wird herum gereicht. Nach einigen Minuten blicken ihn sechs Augen vorwurfsvoll an. „Was Sie uns verschweigen, ist der Umstand, dass Sie die 21-Jährige gar nicht beraubt haben, sondern sie nötigten, ihr Geld herauszurücken. Daraufhin gab die Heranwachsende Ihnen drei Euro. War das Ihre ganze Beute?“ Johann nickt wieder. Der Mann mit dem schwarzen Anzug schüttelt ungläubig den Kopf, die junge Frau grinst überheblich und beugt sich dann über den Tisch. Nun macht sie sich Notizen. „Was ein Glück, dass wir im Internet den Polizeibericht gefunden und ausgedruckt haben“, sagt der Bürokrat empört.

Es lief schon besser, denkt Johann. Dann schaut die Frau ihn wieder an. Nun macht sich der Bürokrat wieder Notizen. „Gut, wir hatten das schon geahnt. Warum wir Sie aber eingeladen haben, das sind Ihre beiden anderen Referenzen. Wo haben Sie die Fertigkeit erworben, Autos aufzubrechen und gezielt seltene oder noble Tachometer auszubauen?“ Johann fällt ein Stein vom Herzen. „Ich habe ihn mitgebracht und…“ Die Frau unterbricht ihn. „Nicht nötig. Schildern Sie uns einfach, woher Sie das Wissen haben – und wie Sie es angestellt haben!“ Johann erzählt von seinem Vater, der als Automechaniker arbeitet und ihn seit seinem 12. Lebensjahr unterwiesen hat.

Nicht, um zu stehlen, wohl aber, um einmal Automechaniker zu werden. Wegen seiner schlechten Schulnoten und der verpatzten Vorstellungsgespräche hat er bisher aber kein Glück gehabt, um in die väterlichen Fußstapfen zu treten. Dann erzählt der 17-Jährige, wie er das Auto geknackt und den Tacho ausgebaut hat. Als er fertig ist, fragt der Mann im schwarzen Anzug ihn: „Wie lange hat es gedauert?“ Johann antwortet: „Knapp unter fünf Minuten. Ich habe die Zeit gestoppt.“ Der Mann stellt ihm noch eine Frage: „Warum dieses Modell?“ Johann lächelt. „Sehr hochwertig!“ Dann zieht er den Tacho aus seiner Tasche. „Dafür bekommt man ordentlich Kohle“, sagt er.

Erfreut bemerkt Johann, dass der Bürokrat sich nun hektisch weitere Notizen macht – allerdings dabei grinst. Johann überlegt, aber er ist sich sicher, dass er den Mann zuvor nicht einmal grinsend erlebt hat. Deswegen lächelt auch er nun zufrieden vor sich hin. „Kommen wir zur dritten Referenz“, sagt die Frau. „Woher wussten Sie, wo die Studentin das Notebook aufbewahrte?“ Johann lächelt weiter. „Sie hat davon im Bus erzählt.“ Der Mann im schwarzen Anzug weitet seine Augen und schaut ihn erwartungsvoll an. „Auf deutsch?“ Johann schüttelt den Kopf. „Ein Kumpel stammt aus Georgien, der hat es mir übersetzt!“

„Ein Glanzstück, lesen Sie mal!“, sagt der Mann zu dem Bürokraten. Der schreibt noch hastig einige Worte auf sein Blatt, nimmt sich dann das ihm vorgehaltene Papier. „Hätte ich nicht für Sie auch diesen Polizeibericht ausgedruckt“, sagt der Mann und reicht ein zweites Blatt der Frau in dem bunten Kleid, „dann wären Sie nun schon abserviert. In diesem Fall hätten Sie ruhig in Ihrer Bewerbung ausführlicher Stellung dazu nehmen dürfen, anstatt durch Ihr Understatement lediglich mitzuteilen, dass Sie einer Austauschstudentin den Computer aus dem Schrank gestohlen haben…“

Der Bürokrat und die Frau lesen. Er nickt ständig anerkennend und ihr Grinsen wird von Satz zu Satz breiter. Kurz darauf legt sie das Blatt Papier auf den Tisch und beginnt laut loszuprusten. Der Bürokrat schüttelt den Kopf und Johann befürchtet schon, er tue dies wegen ihm. Dann aber sagt der Mann: „Wie blöd kann man sein!“ Und: „Wahrlich, ein Glanzstück! Sehr pfiffig!“ Johann ist erleichtert. Die Austauschstudentin aus Georgien hatte im Bus erzählt, dass sie das Notebook in ihrem Schrank gelegt hat. Nikolei hatte es ihm übersetzt. Schließlich war Johann in das Hostel gegangen und hatte die Tür zu ihrem Zimmer aufgebrochen.

Zwar war der Schrank abgeschlossen gewesen, aber Johann hatte ihn einfach nach vorne gezogen, die Rückwand aufgehebelt und den Computer gestohlen. Danach hatte er den Schrank wieder an die Wand gerückt. „Und, haben Sie es zurückgegeben?“, fragt der Bürokrat und grinst. Johann nickt. Der Bürokrat schaut ihn verwundert an. „Nur auf einem USB-Stick“, sagt Johann. „Ich habe die Examensarbeit der Studentin auf der Festplatte gefunden, sie auf einen Stick gezogen und mit der Post an die Polizei geschickt. Natürlich habe ich bei alldem Handschuhe und Mundschutz getragen, man will ja keine Spuren hinterlassen.“

Die drei ihm gegenüber sitzenden Personen nicken anerkennend. Aus dem Polizeibericht wissen sie, dass man dazu aufgerufen hatte, der Studentin ihre Examensarbeit zurückzugeben, weil sie keine Sicherungskopie davon gemacht hatte. „Das Notebook war auch gar nicht so schlecht“, erklärt Johann, „wie es in der Zeitung stand. Ich habe dafür 100 Euro bekommen von einem Kumpel.“ Das Trio grinst ihn plötzlich mitleidig an. „Es war ein bisschen viel Aufwand für 100 Euro, meinen Sie nicht?“, fragt die junge Frau mit dem bunten Kleid. „Aber es war auch ein interessantes Gesellenstück“, findet der Mann im schwarzen Anzug. „Dann sollten wir ihm den Testbogen vorlegen“, sagt der Bürokrat.

***

Johann sitzt in einem anderen Zimmer. Nachdem ihn die junge Frau hierher gebracht und er ihr beim Gang durch den Flur kurz auf ihren Hintern geschaut hat, sitzt er nun einem grauhaarigen Mann Mitte 50 gegenüber. Er trägt eine Brille und wirkt wie ein Sozialarbeiter. „Gut“, sagt der Mann. „Sie wollen mindestens zertifizierter Klein- und bestenfalls diplomierter Krimineller werden. Dafür sind wir da, dafür stehen wir mit unserem guten Namen. Mit einer bei uns abgeschlossenen Ausbildung liegt Ihnen die Halbwelt zu Füßen!“ Johann schaut ihn skeptisch an. Er wirkt auf ihn ein bisschen wie ein verwirrter Hippie, der in seinen Haschgiftzeiten hängen geblieben ist.

Vielleicht, denkt er, ist das auch nur ein Trick, um ihn in Sicherheit zu wiegen und beim Schummeln zu erwischen. „Bevor Sie von uns ausgebildet und zertifiziert werden, steht aber dieser Test und ein abschließendes Urteil der zwei Herren und der einen Dame, die Sie schon kennenlernen durften. Noch Fragen?“ Johann zuckt die Achseln. „Wie geht der Test?“ Der Grauhaarige sieht ihn an und schüttelt gedankenverloren den Kopf. „Gott“, sagt er, „man wird alt, Junge. Das hatte ich ganz vergessen, dir zu sagen.“ Dann erklärt er Johann, dass die Testbögen ähnlich gestaltet sind wie bei einer theoretischen Führerscheinprüfung.

Es wird also immer ein Fall geschildert, dann folgen mögliche Antworten, die er, Johann, ankreuzen kann. „Allerdings ist immer nur eine Antwort korrekt“, sagt der Mann. Dann legt er den Prüfungsbogen auf Johanns Tisch und daneben einen Kugelschreiber. „Gutes Gelingen“, wünscht er und setzt sich Johann gegenüber auf einen Stuhl. Statt ihn zu beobachten, nimmt er sein Smartphone und tippt auf dem Display. Johann zieht die Papiere über den Tisch zu sich herüber und beginnt mit dem Ausfüllen.

Das erste Fallbeispiel handelte von einem 41-Jährigen, der ein Navigationsgerät und ein Mobiltelefon aus einem LKW gestohlen hat. Er war einer Streifenwagen-Besatzung aufgefallen, weil er eine Fußgängerampel bei Rot überquert hatte. Bei der Kontrolle des Mannes kam ein Zeuge hinzu, dem gerade das Navi aus dem LKW gestohlen worden war. Nachdem der „fußläufige Rotlichtsünder“ fliehen wollte, kontrollierten die Beamten ihn und fanden das gerade gestohlene Diebesgut. Die Handschellen klickten. Johann spitzt die Lippen und arbeitet sich durch die Antworten.

Möglichkeit 1: Man bestiehlt keinen anständigen LKW-Fahrer. Möglichkeit 2: Das Stehlen eines Navis und Handys ist unter Ihrer Würde, so etwas tun nur Junkies. Möglichkeit 3: Auch als Dieb geht man nicht über eine rote Ampel, um nicht unnötig aufzufallen (Ausnahme: man wird verfolgt). Möglichkeit 4: Nach einem Diebstahl bewegt man sich immer zielstrebig von einer Ampel fort. Möglichkeit 5: Meiden Sie die Polizei bei Ihrer gewissenhaft ausgeübten Tätigkeit konsequent. Möglichkeit 6: Stehlen Sie nie überhastet und kundschaften Sie zuerst die Umgebung aus. Möglichkeit 7: „Räuber und Gendarmen“ spielt man nicht.

Johann schüttelt den Kopf. „Ist wirklich immer nur eine Antwort gültig?“, fragt er den Prüfer. Der nickt stumm. „Und muss immer eine stimmen?“, fragt der 17-Jährige. Wieder ein wortloses Nicken. Johann sieht den Mann ratlos an. „Überspringen Sie Fragen, die Ihnen noch zu kniffelig sind. Am Ende schauen wir weiter“, sagt er. Johann erkennt darin eine Logik und widmet sich dem zweiten Beispiel. Dabei geht es um ein Kinderfahrrad, dass jemand am Straßenrand gestohlen und von einer Fußgängerbrücke in die Oberleitungen einer Gleisanlage geworfen hat. Der Bahnverkehr kommt deswegen eine Stunde lang zum Erliegen, bevor der Reparaturtross das Rad entfernt und die Oberleitungen repariert hat.

Möglichkeit 1: Nur Kinder stehlen Fahrräder und werfen diese auf Bahntrassen. Möglichkeit 2: Sie schädigen nicht unnötig die Volkswirtschaft mit einer so unsinnigen Tat. Möglichkeit 3: Eine solche Tat ist nur erlaubt, falls man einen Zug ausrauben will. Es ist quasi die moderne Variation des Steins auf der Schiene, ähnlich wie im Wilden Westen. Möglichkeit 4: Diese Frage ist unter Ihrer Würde, also denken Sie nicht weiter über eine Antwort nach. Möglichkeit 5: Sinnfreie Mutprobe eines Pennälers. Möglichkeit 6: Denken Sie lieber noch einmal über Möglichkeit 4 nach.

Johann hebt den Blick und sieht den Prüfer grinsen. Er ist sich unsicher, ob der Mann sich über ihn lustig macht, oder er über etwas schmunzelt, das er im Internet abgerufen hat. Johann kommt sich vor wie in einer dieser TV-Sendung mit den versteckten Kameras – blättert aber dennoch weiter. Drittes Fallbeispiel: Einbrecher rauben aus dem Lagerraum eines größeren Kiosk Bierfässer und Containerabfüllungen mit Erfrischungsgetränken, alles vorbereitet zwecks Ausschank über Zapfanlagen. Zudem stehlen sie zwei Windschutzvorrichtungen aus Glas, die auf der Terrasse des Kiosk stehen.

Möglichkeit 1: Klauen Sie so etwas nur dann, wenn Sie einen sicheren Abnehmer für die Ware haben und den sicheren Abtransport gewährleisten können. Möglichkeit 2: Auf so etwas kommt man nur, wenn man eine Betriebsfeier plant. Werden Sie dann jedoch nicht unvorsichtig angesichts der Vorfreuden. Möglichkeit 3: Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen. Möglichkeit 4: Unterstützen Sie keinen Alkoholismus im Dienst. Möglichkeit 5: Alles wird gut. Möglichkeit 6: Versetzen Sie die Ware mit Rizinusöl und spenden Sie sie einem noch anstehenden Polizeifest.

***

„Und er ist einfach so aufgestanden und wortlos gegangen?“, fragt die Frau in dem bunten Kleid, als sie Johann im Prüfzimmer abholen will. „Ich habe mich auch gewundert“, sagt der grauhaarige Prüfer und Aufpasser. „Dabei dachten wir, er habe so viel Potential und sei in unserem Hause gut aufgehoben!“ Der Mann zuckt mit den Achseln. „Ich verstehe es nicht! Hat mich paarmal fragend angesehen und gefragt, ob wirklich nur eine Antwort stimmt. Vielleicht war der ja doch nicht so helle?“ Sie schüttelt den Kopf.

Dass man sich so in jemanden täuschen kann, denkt sie, während der Prüfer lächelt, aber innerlich aufgewühlt ist und hofft, dass sie nicht in den Abfalleimer nachschauen wird. Vor Jahren hatte er für seinen Vorgänger einmal einen völlig unsinnigen Prüfungsbogen angefertigt, den dieser zur Unterhaltung aller bei einer Feier zu seiner Verabschiedung in den wohlverdienten Ruhestand hatte öffentlich vorlesen und vermeintlich lösen müssen.

Scheinbar, denkt er, habe ich Idiot das Ding ausgerechnet heute morgen aus Versehen eingepackt und dann auch noch ohne nachzuschauen dem Jungen vorgelegt. Sie geht derweil aus dem Zimmer. Er starrt ihr dabei auf dem Hintern. Bis zu jenem Moment, als sie sich im Flur umdreht und ihn durch die geöffnete Türe vorwurfsvoll anschaut. „Bitte tragen Sie Sorge dafür, dass sich das nicht wiederholt“, giftet sie ihn an. Er nickt, weiß jedoch nicht, ob sie seine Blicke gemeint oder den Braten doch gerochen hat.

(C) Michael Klarmann, Oktober 2014 (Inspiration; Inspiration; Inspiration; Inspiration; Inspiration; Inspiration)

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