Reise in die Ausnüchterung

„Du Drecksmensch!“ Justus schrie wild gestikulierend über den Parkplatz und hämmerte wutschnaubend mit der Faust auf die Motorhaube des Wagens. „Das nimmst du zurück!“, keifte die Frau ihn hysterisch an und verpasste ihm eine Ohrfeige. „Was wagst du dich! Ich nehme nichts zurück! Drecksmensch, Drecksmensch, widerlich stinkender Drecksmensch!“ Aus den Augenwinkeln heraus sah er die Streifenwagen, die sich ihnen auf den Parkplatz mit Blaulicht und in hoher Geschwindigkeit näherten. „Verfluchtes Weib! Hast du die Cops gerufen?“ Sie nickte und lachte. Er erwiderte die Ohrfeige.

Das Nächste, woran Justus sich wieder erinnern konnte, war, dass ihn die Polizisten mit aller Kraft auf die Motorhaube eines Streifenwagens drückten. Sie wollten ihm Handschellen anlegen. Es gelang ihm jedoch, sich loszureißen. Doch dann krachte ein Schlagstock gegen einen seiner Schenkel. Der Schmerz durchfuhr seinen stämmigen und muskulösen Körper, ein Bein gab nach und er sackte zusammen. Sein Schädel donnerte auf das Blech des Autos, helle Blitze durchzuckten seinen Kopf. Verschwommen nahm er wahr, wie einer der Polizisten neben den fast ineinander verkeilten Autos diese Drecksschlampe befragte.

„Wir kamen fast zeitgleich hier an. Ich kam von einer Disko, wollte zum Erntedankfest in die Schützenhalle und gerade einparken, da setzt sich der Grobian dazwischen und will mich abdrängen. Ich musste voll in die Eisen gehen, sonst wären wir zusammengestoßen. Dann ist er ausgestiegen und fing an mich zu beleidigen. Drecksmensch und so Sachen. Und er schlug mir ins Gesicht.“ Der Polizist machte sich Notizen, sie tippte zugleich auf ihrem Smartphone. Justus hatte alles mit angehört. „Das Weib lügt!“, schrie er voller Wut. Kleine Speicheltropfen stoben aus seinem Mund.

„Der riecht so, als wenn er rotzbesoffen ist oder seine Matte in einer Schnapsbrennerei gewaschen hat!“, rief einer der Polizisten einem Kollegen zu. Justus dämmerte, dass es nun für ihn noch unangenehmer wurde. Diese billige Schlampe beleidigt und ihr eine Schelle gesetzt; die Cops angegriffen; betrunken durch die Gegend gegondelt und fast einen Zusammenstoß provoziert… Schlagartig fühlte er sich wieder nüchtern und schüttelte fassungslos den Kopf über sein Malheur. Was für ein Schlamassel, dachte er, der ganze Tag nur eine Aneinanderreihung von Pech und Unglück und Scheißdreck hier, Scheißdreck da, Scheißdreck dort!

Dann erkannte er, wie einer der Polizisten sich ihm näherte. Der Mann hielt ein Blasröhrchen in seinen Händen. Na, wunderbar, dachte Justus, jetzt muss ich denen auch noch einen blasen. Er trat aggressiv nach dem Cop, traf ihn mit voller Wucht am Unterleib, so dass der Mann wie ein nasser Sack in sich zusammensank. Justus grinste überheblich, doch dann jagte ihm einer der Beamten einige Ladungen Pfefferspray ins Gesicht. Er sah nichts mehr und spürte nur noch ein Brennen in den Augen, der Nase und dem Mund.

***

Als er im Streifenwagen saß und sie ihn zwecks Blutabnahme mit zur Wache nehmen wollten, brannten und tränten ihm die Augen immer noch. So wie er sich benehme, hatten die Polizisten ihm erklärt, werde er die Nacht in einer Ausnüchterungszelle verbringen müssen. Im Polizeifunk hörte er, dass ein Mensch ausgebrochen war und herumstreunte. „Darum solltet ihr Bastarde euch kümmern. Keinen rechtschaffenen Mann verprügeln, dem so eine Mistschlampe den Parkplatz blockiert und die alles vögelt, was nicht bei drei auf der Erde ist.“

Der Fahrer des Streifenwagens beachtete ihn nicht, Beifahrer und der ihn auf der Rückbank bewachende Beamte sahen ihn jedoch bösartig an. „So redet man nicht über die Frau eines Kollegen!“ Justus zuckte zusammen. Neben dem ganzen Schlamassel muss ich Trottel auch noch an die Pussy eines Cops geraten, dachte er. Er schüttelte wieder den Kopf und musste dann doch noch an ein Spiel denken, das er als Kind immer mit Vater und Mutter gespielt hatte: „Affe ärgere Dich nicht!“

Kurz darauf kamen sie an dem Kino vorbei. Weil die Wirkung des Pfeffersprays nachgelassen hatte, konnte er die Ankündigung auf der Reklamewand sehen. Primitiv wirkende Menschen in steinzeitartigen Gewändern und Uniformen, mit hassverzerrten Schnauzen und bewaffnet mit Knüppeln schienen den Betrachter bedrohlich aus der dreidimensional gestalteten Werbefläche heraus anspringen und attackieren zu wollen.

Menschen, dachte Justus angewidert und las trotzdem den Titel des Films: „Planet der Menschen.“ Neben sich hörte er einen der Polizisten sagen: „Das soll der neueste Science Fiction-Kracher sein. In dem Film sollen einige Menschen sprechen können. Sie sind intelligenter als die Hausmenschen, brechen gemeinsam aus, schließen sich zu Rudeln zusammen und rebellieren gegen uns. Ist das nicht verrückt?“

Der Gorilla auf dem Beifahrersitz hämmerte laut losprustend mit der Pranke auf das Armaturenbrett. „Klingt eher nach einer cineastischen Fabel!“, rief er lachend. „Aber immerhin in 3D!“, schrie der Fahrer und schlug mit der flachen Pranke auf das Lenkrad. Sogar Justus musste grinsen. Und vom Straßenrand aus zeigten zwei Schimpansen mit bunt gefärbtem, teils abstehendem Fell den Polizisten den Hitlergruß. „Dreckspunks!“, schimpfte einer der Polizisten. „So etwas wie die hätten wir früher vergast!“

(C) Michael Klarmann, Oktober 2014 (Inspiration)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • email
  • Blogplay
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkArena
  • LinkedIn
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Netvibes
  • PDF
  • Technorati
  • Tumblr
  • Webnews.de
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

0 Antworten auf „Reise in die Ausnüchterung“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


− eins = sieben