Archiv für November 2014

Die Beschleunigung des Alterns

„Ist das dein erstes Speed-Dating?“ Er nickt. Sie mochte Mitte zwanzig sein. Er ist siebenundvierzig Jahre alt. Sie könnte meine Tochter sein, denkt er, während sie sich fragt, wie alt er wohl sein würde. „Wie alt bist Du?“ Er grinst. „Siebenundvierzig.“ Sie lächelt. „Das sieht man dir nicht an. Du wirkst zehn bis fünfzehn Jahre jünger.“ Er zuckt die Achseln. „Danke für das Kompliment! Ich treibe viel Sport.“ Sie ist ihm sympathisch, aber sie ist ebenso verteufelt jung. „Und du?“, fragt er sie. „Ich bin vierundzwanzig. Habe vor einem Jahr den Abschluss meines Studiums an der Polizeihochschule absolviert.“

Vierundzwanzig, denkt er, drei Jahre älter als Sabine. Sabine ist seine erwachsene Tochter, die gerade ihr erstes Kind erwartet. Er schüttelt den Kopf. Sie fragt: „Was ist so komisch daran?“ Er schaut sie mit großen Augen an. „Ich werde, wenn alles gut geht, in sieben Monaten Opa.“ Ihr Lachen wirkt fröhlich und belebend auf ihn. Mann oh Mann, was geht hier ab?, denkt er, das ist ein Speed-Date und das Mädchen könnte meine Tochter oder deren Freundin sein. „Hast du noch mehr Kinder?“

„Einen Lausbuben“, sagt er. „Wie alt?“ Er zuckt wieder die Achseln. „Siebzehn.“ Sie schüttelt den Kopf. „Er könnte dein kleiner Bruder sein“, sagt er. Dann beginnt er einfach zu erzählen, wie er tagsüber bei der Bundespolizei gewesen ist und Janus’ Softairwaffen abgegeben hat. Sofairwaffen, das sind die modernen Variationen dessen, was er in seiner Kindheit und Jugend als Erbsenpistolen gekannt hat. Nur heute sind es Luftdruckwaffen, ähnlich wie beim Paintballspielen, mit denen man Hartgummi- oder Plastikkugeln verschießt. Und sie sehen aus wie echte Waffen.

„Ich fand, dass solche originalgetreuen Nachbauten nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen gehören“, erklärt er. „Ich frage mich einfach: Was soll das? Ist das noch Spielzeug?“ Sie nickt. „Wenn uns gegenüber einer damit hantiert, können wir nicht erkennen, ob er eine scharfe Waffe oder einen täuschend echten Nachbau in den Händen hat“, sagt sie. „Deswegen habe ich sie bei der Bundespolizei abgegeben. Ich hatte sie am Morgen im Zimmer von Janus gefunden, als er in der Schule war. Wer verkauft so etwas an einen Siebzehnjährigen?“

Die Beamten auf der Wache hatten nicht schlecht gestaunt. Er hatte die beiden Nachbauten in einer Plastiktüte transportiert und die Beamten gewarnt, bevor er sie auf deren Tresen legte. Er sagte ihnen, dass er zwei Softairwaffen übergeben wolle und nichts weiter im Schilde führe. Das eine war die Nachbildung eines Colts gewesen, das andere eine täuschend echte Nachbildung der Dienstwaffe der Bundespolizei, eine HK P30. „Einer der Polizisten legte seine echte Heckler & Koch daneben und schob beide über den Tresen hin und her wie ein Hütchenspieler. Wir konnten rein optisch nicht mehr erkennen, welches die Softair-, und welches die echte Dienstwaffe war.“

Sie lacht laut, so dass die Frau am Nebentisch neidisch herüber blickt. Bei den beiden dort scheint es nicht so gut zu laufen, denkt er. „Na, hoffentlich hat der Kollege dann nicht die Falsche wieder eingesteckt?“, feixt sie und zwinkert ihm zu. Er schüttelt den Kopf. „Neinnein, der hat schon die Seine wieder ins Holster gepackt.“ Dann sagt er ihr, dass er zuhause kurz überlegt hatte, die Nachbauten in die Mülltonne zu werfen. Aber wenn die Müllwerker dann die Tonne geöffnet hätten, hätte es wohl ein bisschen Chaos und einen Polizeieinsatz gegeben.

Deswegen war er zu der Wache der Bundespolizei an der Autobahn gegangen. Über den Zugang einer benachbarten Raststätte konnte man das Areal auch zu Fuß betreten. „Die Beamten stellten die beiden Nachbauten sicher und leiten sie zur Entsorgung an die Landespolizei weiter“, beendet er die Geschichte, die er am Tag erlebt hatte. Sie nickt anerkennend. „Und? Nicht mal selbst damit geschossen?“, will sie von ihm wissen. Er winkt ab. „Hätte ich vielleicht tun sollen!“ Sie fragt: „Und wo ist die Mutter des Lausbubs, also die zukünftige Omma?“

Er verzieht das Gesicht ein bisschen zu deutlich. „Wir leben seit ungefähr zehn Jahren getrennt. Die Kinder sind bei mir geblieben, damit sie in ihrer gewohnten Umgebung aufwachsen können. Meine Ex war ein paar Jahre in London, nun lebt sie in München.“ Sie blickt ihn erstaunt an. „Und jetzt, kurz bevor du Großvater wirst, gehst du noch mal auf die Pirsch?“ Ihre direkte Art, nachzufragen, imponiert ihm. Als er noch jung war, war man schüchterner und zurückhaltender gewesen. „Wahrscheinlich. Und du?“ Er sieht ihr direkt in die Augen. „Eine verlorene Wette. Eine Freundin hat mich angemeldet. Ich bin zwar solo, aber so nötig habe ich es auch wieder nicht, um hier die Kerle klar zu machen.“

Er verzieht das Gesicht noch einmal ein bisschen zu deutlich. „Oh, das tut mir leid. Ich wollte dir nicht blöd kommen.“ Er schaut sie wieder direkt an. „Ist schon okay. Ich bin ja auch nicht freiwillig hier. Sabine hat mich angemeldet.“ Fragender Blick. „Na, meine Tochter. Sie meinte, wo sie doch vor zwei Jahren schon ausgezogen ist und Janus bald sein Abi baut und fürs Studium umziehen muss, müsste ich mal langsam wieder unter die Haube und mich weniger für meine heiß geliebten Triathlons schinden.“ Beide lachen. „Sabine ist drei Jahre jünger als du.“ Er schüttelt ungläubig den Kopf. „Stell dir vor: sie meldet mich hier an, wir beide würden was reißen und ich müsste ihr das beichten: eine Frau, die nur drei Jahre älter ist als sie!“

Wieder Gelächter – und noch ein neidischer Blick von der Frau am Nachbartisch. „Wieso nicht. Ich meine, ich kenne einige Mädels in meinem Alter, die ein Faible haben für ältere Kerle. Nun gut: zehn Jahre ältere Kerle. Du…“ – sie grinst – „…könntest ja mein Vater sein.“ Dann lacht sie herzhaft, aber nicht hochnäsig. „Und was hast du heute so gemacht?“, fragt er sie. „Oh“, sie lacht immer noch, „wir haben einen besoffenen Deppen festgenommen, der zu dumm zum Autofahren war.“ Er blickt sie neugierig an. „Erzähl’!“ Aber dann ertönt der Gong.

Die Geschichte geht so, das weiß er nun: Ein vierundvierzig Jahre alter Autofahrer hat am Nachmittag Unfallflucht begangen. Zuvor war er an einer Verkehrsinsel verunglückt und hatte sich die Ölwanne leicht aufgerissen. Ein Augenzeuge rief mit seinem Smartphone die Polizei. Wegen des Schadens konnten die Polizisten den Unfallflüchtling leicht verfolgen, einfach immer der beeindruckend langen Ölspur nach. Für die Feuerwehr hieß das natürlich am Ende einiges an Arbeit.

Die Polizisten stellten den Mann erstmals mit seinem Fahrzeug auf einem Feldweg. Doch als sie ihn befragen wollten, sprang er wieder in den PKW und fuhr über einen angrenzenden Acker. Die Beamten wollten dem Kerl folgen, blieben dabei aber mit ihrem Streifenwagen im Morast stecken. Eine zweite Streife sah später die Ölspur erneut und entdeckte das Fahrzeug in einer nahe gelegenen Scheune. Den betrunkenen Fahrer stellte man in einer benachbarten Wohnung und nahm ihn in Gewahrsam.

„Die Kollegen stellten dann fest, dass gegen den Vierundvierzigährigen ein Haftbefehl wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen vorlag. Also klickten die Handschellen“, sagt sie. „Selten dumm gelaufen!“ Er muss laut lachen, klopft mit der flachen Hand auf das Holz. Sie sitzt ihm gegenüber am Küchentisch und lacht ebenso. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie wir aussahen, als wir den Streifenwagen endlich wieder vom Acker hatten.“ Doch, denkt er, denn er hat am Abend noch die über den Rand der Badewanne geworfene Uniform gesehen.

„Wieso hast du mich gestern eigentlich abgeschleppt?“, fragt er. „Mitleid!“ Sie prustet los und ihr fällt fast ein Bissen vom Käsebrötchen aus dem Mund. „Mitleid?“ Sie lächelt ihn an. „Hattest du den Eindruck, ich steige aus Mitleid mit dir in die Kiste?“ Er schüttelt den Kopf. „Na, also…“ Sie lacht keck. „Dann hoff’ ich mal, dass du auch nachträglich kein allzu großes Mitleid mit mir haben musst?“, hakte er nach.

„Und wir uns vielleicht mal wiedersehen…?“ Sie zwinkert ihm zu. „Da muss ich erst mal in Ruhe drüber nachdenken. Wer will schon in ein paar Monaten zur Großmutter werden, in meinem Alter?“

(C) Michael Klarmann; November 2014 (Inspiration; Inspiration)