Dörfliche Gemeinschaft

Was sollte sie nur den Nachbarn sagen? Sie tuschelten wohl schon, alle wussten oder ahnten es. Magdalena saß in ihrem geliebten Sessel neben dem Wohnzimmerfenster, aus dem sie gut das kaum vorhandene Leben auf der Seitenstraße im Dorf und ihre Nachbarn beobachten konnte. Und nun das? Ihre Enkelin eine Grabschänderin. Herr im Himmel!, dachte die 83-Jährige. Was für eine Schmach, dass die Leute nun über sie lästern konnten.

Das Dorf war nicht sonderlich groß, aber auch nicht wirklich klein. Fast 1.500 Menschen lebten hier, idyllisch rund um den historischen Ortskern und der Kirche, zwischen bewaldeten Hügeln und den Wiesen, auf denen die Kühe grasten. Zwei Hotels mit Tagungsräumen, ein Ausflugslokal, eine Gaststätte mit Saal, zwei Imbisse, ein Bäcker, ein Metzger, ein Café, kein Lebensmittelmarkt und kein Kiosk mehr. Der Pärchenclub am Ortsrand, der in den 1980er Jahren für viel Aufsehen gesorgt hatte, war längst wieder geschlossen, das abgelegene, durch einen Hohlweg am Waldrand zu erreichende Haus heute verfallen.

Magdalena war hier geboren, im Krieg. Sie hatte, abgesehen von Ausflügen und Urlauben, immer hier gelebt. Ihr Mann Hubert war vor Jahren gestorben. Jahre davor hatte sich das Rentnerpaar gefreut, als Adolf gesagt hatte, dass sie Großeltern würden. Ihr Sohn, Adolf, die Schande der Familie, und doch liebten sie ihn. Aber kurz vor seinem Tod hatte Hubert Adolf dennoch erklärt, sie hätten es nicht leicht gehabt, damals… Adolf hatte gedacht, jetzt fange sein Vater wieder mit dem Krieg an. Aber da irrte er.

Hubert hatte Adolf von seinem Pflegebett aus erklärt, in dem ihn die Schwestern und Zivildienstleistenden eines Pflegedienstes betreuten, wie er sich geschämt habe für ihn. Da dachte Adolf noch, sein Vater würde seine Zeit als Hippie meinen, weil sich alle im Dorf darüber den Mund zerrissen hatten. Aber Hubert hatte das bestritten. Damals, als Adolf seinen Zivildienst abgeleistet hatte und ein Wehrdienstverweigerer war, befand Hubert, dass sei eine schwere Zeit gewesen. Nie, hatte der Vater weiter erklärt, habe er gewusst, was er den Menschen im Ort sagen sollte. Sie hätten sich so wegen ihm geschämt.

Magdalena wurde vergesslich, das Alter eben. Aber sie erinnerte sich noch daran, wie Adolf völlig konsterniert gewesen war. Minutenlang stand er am Pflegebett und sah an Hubert vorbei die Wand an. Dann hatte er den Kopf geschüttelt und sich seufzend auf einen der Stühle gesetzt. Er hatte ganz anders darauf reagiert, als Jahre zuvor, nachdem sie ihm gesagt hatte, dass seine monatelange Arbeitslosigkeit eine Schande sei. Da war Adolf aggressiv geworden. Und er hatte ihr vorgeworfen, so etwas belaste sie doch nur, weil sie mit den Tratschweibern im Dorf immer wieder über andere Arbeitslose gelästert habe. Nun aber lästerten diese Frauen über sie selbst.

Warum musste der Herrgott sie so strafen?, fragte sich Magdalena. Dann sah sie, wie gegenüber im Haus der Säufer aus dem Fenster lugte. Er ließ alles verkommen, kümmerte sich auch kein bisschen um den Vorgarten. Inmitten der gut gepflegten Häuser und Gärten war sein Grundstück ein Schandfleck. Sicher, dachte Magdalena, auch mein Haus wirkt heruntergekommen. Aber ich und Hubert – alt und seit Jahren nicht mehr rüstig, darüber hinaus nicht reich genug, um uns Handwerker leisten zu können…

Adolf hatte nie Zeit oder Geduld für die Reparaturen gehabt. Irgendwann war er auch die ständigen Streitereien mit Hubert leid gewesen, ob er den Rasen auch zufriedenstellend gemäht hatte oder eigentlich nicht sogar zu dumm für solche simplen Arbeiten war. Damals war Adolf schon Anfang 30 gewesen – und kurz darauf lernte er seine heutige Ehefrau kennen. Viele Jahre später wurden Hubert und Magdalena Großeltern.

Ende September war im Dorf Erntedankfest gefeiert worden. Ähnlich wie beim Schützenfest oder Karneval zog ein Zug durch den Ort. Magdalena konnte diesen seit Jahren schon altersbedingt nicht mehr besuchen und er führte auch nicht durch ihre Seitenstraße. Am Tag des Erntedanks konnte sie von ihrem Fenster aus nur die Leute sehen, die zum Zug gingen oder zurück kamen. Einige waren kostümiert, andere nicht. Dabei hatte sie auch Julia gesehen, ihre Enkelin. Morgens war sie mit Freunden am Haus vorbei Richtung Dorfzentrum gegangen und hatte ihr zugewunken.

Abends zog sie betrunken, Arm in Arm mit einem Jungen, den Magdalena nicht kannte, wieder vorbei. Adolfs Familie lebte einige Häuser entfernt, er und Jennifer waren verreist und offenbar nutzte Julia die Gelegenheit. Das Mädchen war 17 Jahre, längst büffelte sie für ihren Führerschein und das Abitur. Magdalena fand, dass es sich dabei nicht schickte, um die Häuser zu ziehen und einen Jungen mit nach Hause abzuschleppen. Schlimmer war aber das Getuschel und die Gehässigkeit der Anderen darüber, fand sie.

Tags darauf besuchte eine Verwandte Magdalena und erzählte davon, dass während des Umzuges jemand den Friedhof geschändet habe. Grablichter waren gestohlen und über fünfzehn Gräber mit Wachs beträufelt und begossen worden. Weil alle feiern waren, habe niemand etwas mitbekommen. Magdalena war erbost, doch keines der Familiengräber war betroffen. Immerhin!, dachte sie erleichtert. Den Tätern wünschte sie, dass Gott sie hart strafen würde. Als ein Nachbar sie besuchte, sagte die 83-Jährige diesem, sollten die Täter aus dem Dorf kommen, so seien deren Familien eine Schande, missratene Typen.

Einige Tage später, heute, las die Seniorin in der Zeitung den Fahndungsaufruf der Polizei. Demnach hatte eine Zeugin kurz nach dem Umzug ein Mädchen und zwei Jungen gesehen, die über ein Feld zwischen Friedhof und Ortskern liefen. Die Zeugin beschrieb das Trio als alkoholisiert, die Jugendlichen hätten gelacht und teilweise Fangen gespielt. Das Mädchen und einer der Jungs seien wohl ein Paar gewesen, sie hätten sich geküsst. Das Mädchen hatte ein auffälliges, orangefarbenes Kleidungsstück an, vermutet wurde, dass es eine Art Schürze war, wie sie Bäuerinnen und Mägde trugen.

Magdalena wusste genau, dass Jennifer an jenem Tag eine solche Schürze getragen hatte. Und natürlich musste sie jeder, der beim Umzug und dem Fest dabei gewesen war oder der wie sie öfter einmal aus dem Fenster schaute, gesehen haben. Spätestens nun werden die Ersten wohl die Polizei anrufen, während andere sich das vielleicht gleich ersparen und mit der Lästerei anfangen, dachte Magdalena. Sie schaute konsterniert aus dem Fenster.

(C) Michael Klarmann, Oktober/November 2014 (Inspiration)

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