Hambacher Frost

„Notwehr!“ Ich blicke ihn fragend an. „Bitte?“ Er grinst. „Wir handeln in Notwehr!“ Mein Blick verändert sich nicht und er sagt: „Unser Tun ist legitimiert durch den Notwehr-Paragrafen!“ Er sitzt mir gegenüber und tippt immer wieder mit seinem Zeigefinger auf das Blatt Papier, das vor ihm auf dem verwitterten Holztisch liegt. Ich schüttele ungläubig den Kopf. „Handgranaten, teilweise versteckt in einer Barrikade aus Ästen und Paletten, damit Arbeiter und Polizisten sie nicht gefahrlos räumen können, sind für Sie Notwehr?“ Er grinst. „Natürlich. Wir retten den Planeten, weil es sonst niemand tut, bevor dieser Konzern zuerst die Umwelt und dann die Erde ruiniert. Wir haben doch nur diese Eine!“

Interviewtermin. Wochenlang habe ich als Polizeireporter der lokalen Tageszeitung – 52 Jahre alt, fast 25 Jahre Berufserfahrung – Kontakte zu den jungen Leuten geknüpft und versucht, ihr Vertrauen zu gewinnen. Immer wieder hatten sie den Medien und auch mir persönlich vorgeworfen, wir würden falsch über sie berichten. In Stellungnahmen hatten sie bestritten, militant zu sein. Die Waldarbeiter des Braunkohlentagebaus hätten sie attackiert, sie hätten sich und ihre Grundwerte nur verteidigt. Die Polizei habe überreagiert. Sie seien immer friedlich gewesen. Die Granaten hätten zufällig herumgelegen, hieß es auf ihren Webseiten und in Pressestatements.

Ein Polizeisprecher hatte mich darauf hingewiesen, sollten mir die Waldbesetzer das im Interview erzählen, dann möge ich sie bitte fragen: Wie viele Schutzengel haben Sie? Immerhin waren ihnen die alten Sprengsätze, die dort zufällig gelegen haben sollen, beim Barrikadenbau nicht um die Ohren geflogen. Auch ich fände diese Nachfrage naheliegend, aber nun bin ich baff. Mein Gegenüber, dessen wahren Namen ich nicht kenne und der von den Politaktivisten als deren Sprecher bestimmt worden war, streitet das mit den Granaten gar nicht mehr ab. Er rechtfertigt es. Mit der Kopie einer Seite aus dem Strafgesetzbuch.

Er reicht mir das Blatt. Ich setzte meine Brille auf und lese: „Paragraph 32: Notwehr. 1.) Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr geboten ist, handelt nicht rechtswidrig. 2.) Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.“ Ich blicke von dem Blatt auf und ihn erstaunt an. Er zuckt die Achseln, hebt beide Hände, die Handrücken zeigen nach unten, die Handflächen nach oben, die Finger leicht gekrümmt – er wirkt wie ein Priester, der Gott anfleht, blickt aber nicht gen Himmel oder dem morschen Dach der ausgemusterten Grillhütte, sondern mich sehr direkt an. „Nun kapiert?“, fragt er.

Seit Monaten besetzen knapp fünfzig Umweltaktivisten ein Waldstück rund rum den Tagebau. Die Bäume sollen gefällt, das Areal dann abgebaggert werden. Um das zu verhindern, gibt es diese Besetzung. Die Verfeuerung der Braunkohle im Kraftwerk zwecks Stromgewinnung zerstöre die Umwelt, sagen die jungen Leute. Die Abgase zerstörten die Ozonschicht und verpesteten die Natur. Das klingt logisch für mich. Anfangs stieß das Engagement der Politaktivisten durchaus auf Zustimmung, sowohl unter Menschen aus der Region, die vom Tagebau betroffen waren, als auch unter den Kolleginnen und Kollegen.

Baumbesetzungen; Demonstrationen; Blockaden der Gleise für die Güterzüge, die die Braunkohle vom Abbaugebiet zum Kraftwerk transportieren. Doch irgendwann wurde es richtig unangenehm und militant. Es kam zu körperlichen Angriffen durch Vermummte auf Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes und andere Angestellte des Energiekonzerns. Mehrfach wurden Fahrzeuge beschädigt. Zuerst Spiegel abgetreten, schließlich Scheiben eingeschlagen und die Reifen platt gestochen. Dann kam es zu ähnlichen Attacken auf Polizisten, die wegen der Vorfälle auf dem Gebiet Streife fuhren.

Die Polizeiberichte zu den Vorkommnissen lasen sich im Vergleich zu den Veröffentlichungen der Besetzer im Internet wie Parallelwelten-Kurzgeschichten aus dem Genre der Science Fiction. Immer mehr wurden auch wir Journalisten verbal in den Texten der Aktivisten angegriffen, angeblich, weil wir einseitig berichten würden oder im Sold des Konzerns stünden. Dann war es mir gelungen, mehrmals mit den Leuten zu sprechen und einen Interviewtermin zu ergattern. Ich sitze also mit Benjamin B., wie er sich selbst nennt, am Tisch. Mein Aufnahmegerät blinkt munter vor sich hin. Das B. stehe für Blümchen, hat er meine erste Frage beantwortet. Eine Stimmungskanone also.

„Ich habe doch an einem Ihrer Plenen kurz teilnehmen dürfen“, sage ich wenige Minuten nach dem Gelächter über den Herrn Blümchen sowie dessen kurz darauf geäußerten und ernst gemeinten Erklärungen zum Thema Notwehr. „Da war doch einer dabei, der sich dezidiert gegen jede Gewalt ausgesprochen hat.“ Er grinst abwertend. „Ja, unser Mahatmalinchen Gandhi. Er hat es einfach nicht verstanden!“ Ich hake nach. „Aber es waren doch auch andere gegen Militanz.“ Er schaut mich arrogant an. „Und, meinen Sie etwa, wir lassen uns einfach so von den Bullen abräumen?“ Ich winke ab. „Das sagt ja niemand. Ich könnte auch durchaus noch nachvollziehen, dass Sie Barrikaden errichten, die Polizei und Arbeiter davon abhalten, zum Zelt- und Baumhauslager durchzufahren. Aber Handgranaten?“ Er lacht.

In den letzten Tagen war die Situation eskaliert. Auslöser waren Rodungsarbeiten am Rande des Braunkohletagebaus gewesen. Die Besetzer wollten das verhindern. Zuerst griffen Vermummte die Arbeiter mit Latten, Pfefferspray und Böllern an. Es kam zu Verletzten. Ein Teil der Aktivisten besetzte einen Hackschnitzelharvester. Als die ersten Polizisten eintrafen, hatte einer der Besetzer an einer hohen Stelle der Maschine einen Art Strick angebracht und sich diesen um den Hals gelegt. Er drohte damit, zu springen und sich zu strangulieren, sollten die Polizisten näher kommen.

Noch bevor die hinzugezogene Hundertschaft eintraf, hatten andere Besetzer aus Ästen, Gestrüpp, Kisten und Paletten Barrikaden auf den umliegenden Wegen errichtet. Sie wollten so eine Anfahrt der Einsatzkräfte verhindern. Die Polizeibeamten mussten die Wege wieder frei räumen. Letztlich gelang es ihnen zudem, den vermeintlichen Selbstmörder auf dem Harvester festzunehmen, ohne das er zu Schaden kam. Dann kam Unruhe auf. Denn es sprach sich herum, dass beim Räumen einer der Barrikaden Granaten gefunden worden waren.

Zwar handelte es sich dabei um alte Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, aber doch waren es funktionsfähige Sprengkörper. Eine der Granaten lag am Rande einer Barrikade, eine andere war in einer solchen in rund einem Meter Höhe abgelegt worden, während man das Hindernis noch weiter aufgestockt hatte. Sprengfallen? Noch am selben Tag räumte ein Großaufgebot der Polizei Teile des Waldes und durchsuchte das Camp der Besetzer.

Einige davon wurden festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt. Am Rande des Lagers fanden Polizisten eine weitere Handgranate. In einer Stellungnahme behaupteten die Besetzer später, es seien Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg, wie sie vielfach in damals stark umkämpften Gebieten zu finden seien. Das war der Ansatz für mein Interview. Aber Benjamin sitzt mir nun als Sprecher der Umweltaktivisten gegenüber und erklärt mir seine Art von Notwehr und Verteidigung.

„Sie haben also in Kauf genommen, dass Polizisten oder Waldarbeiter schwer verletzt oder vielleicht sogar getötet hätten werden können…“ Mein Aufnahmegerät blinkt immer noch. „Schauen Sie…“, will er mir antworten, doch ich bin mit meiner Frage noch nicht fertig. „…und auch deren Familien und Kinder dann Schaden erleiden? Sie nehmen Kindern die Väter und Frauen die Männer?“ Er blickt mich an und antwortet mit einer Gegenfrage: „Wie viele Menschenleben kostet denn die Umweltverschmutzung dieses Konzerns?“

Ich schaue ihn sprachlos an. „Schauen Sie. Wenn Sie angegriffen werden, dann dürfen Sie sich verteidigen, in Notwehr. Das ist doch logisch, oder?“ Ich ertappe mich dabei, dass ich gedankenverloren nicke. „Der Energiekonzern zerstört die Natur, baggert die Kohle ab, verfeuert sie und erzeugt damit Strom. Durch das Verbrennen schädigt er die Luft und Ozonschicht. Darunter leiden wir heute schon, es zeichnet sich ab, dass die Erde zerstört und zu einem lebensunwerten Platz wird. Also?“ Notwehr, denke ich, wird er nun sagen. „Notwehr!“, sagt er und grinst mich an wie jemand, der genau weiß, dass er dem anderen argumentativ überlegen ist.

„Ich verstehe das aber anders, mit der Notwehr“, antworte ich. Längst entgleitet mir das Interview. Statt Fragen zu stellen lasse ich mich auf Debatten mit dem Kerl ein, dessen wahren Namen und dessen Alter ich nicht kenne und der Gedanken äußert, die ich kaum nachvollziehen kann. Wie soll ich das den Lesern begreiflich machen? „Wie verstehen Sie denn Notwehr?“, will er wissen. „Unmittelbarer“, erwidere ich. „Mir droht beispielsweise unmittelbar große Gefahr und dagegen stemme ich mich, mit allen Mitteln, die ich brauche, um aus der Gefahrenlage ’raus zu kommen. Wie beim Straßenraub beispielsweise.“

„Bingo!“, sagt er. „Aber, was ist denn an dem Braunkohleabbau und der Verstromung so unmittelbar wie ein Raubüberfall mitten in der Nacht etwa?“, frage ich. „Es könnte doch sein, dass sich die Welt ganz anders entwickelt, durch die Energiewende.“ Benjamin B. winkt ab. „Das ist Schwachsinn!“ Mir drängt sich der Verdacht auf, dass er gerade seine eigenen Ausführungen analysiert hat. Mir wird zudem klar, dass dies längst kein Interview mehr ist, das ich führe.

„Sie finden also, Ihre Auslegung des Notwehr-Paragraphen ist logischer, als das, was ich gerade erklärt habe?“ Er nickt. „Aber das ist Küchenjuristerei, rechtlich völlig ohne Bestandskraft. Vielleicht auch nur eine billige Ausrede, weil Sie und die anderen auf Krawall gebürstet sind!“ Er steht abrupt auf und schaut mich höhnisch an. „Das Interview ist damit beendet“, sagt er lapidar. Benjamin B. wendet sich ab, entfernt sich und lässt mich sprachlos an dem Tisch in der alten Grillhütte am Rande des Tagebaus zurück. Mein Aufnahmegerät blinkt noch.

(C) Michael Klarmann; November 2014 (Inspiration, Inspiration)

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4 Antworten auf „Hambacher Frost“


  1. 1 frage_zum_genauen_ablauf 19. November 2014 um 17:51 Uhr

    Wurden die Polizisten und vom Konzern Angestellen Bewaffneten darauf hingewiesen, dass in den Blockaden „Minen“ versteckt waren? Lagen die Handgranaten sichtbar auf der Barrikade?

  2. 2 truecrimestories 19. November 2014 um 18:38 Uhr

    @frage_zum_genauen_ablauf

    In meiner Short-Story nicht.

  3. 3 jolly 22. November 2014 um 21:56 Uhr

    Der Verfasser hat offensichtlich selbst nie mit den Menschen auf der Wiese gesprochen und fantasiert anhand einiger angelesener Halbwahrheiten einen Text zusammen, der in wichtigen Details auf Verleumdung und üble Nachrede hinausläuft, da er unterstellt, dass Handgranaten absichtlich, gezielt und bewusst eingesetzt würden und als legitimes Mittel zum Zweck angesehen werden. Könnte man als Quatsch abtun, ist ja rein fiktiv, im Kontext der Vernischung mit Halbwahrheiten aber übel. Bist du ein Lohnschreiber der rwe oder findest du es aus privaten Gründen gut, andere zu verleumden?
    Vielleicht gehört zu einem wirklich guten Text doch etwas mehr als nur ein wenig Fantasie.

  4. 4 truecrimestories 22. November 2014 um 22:16 Uhr

    @jolly

    In einem Punkt kann ich Ihnen zustimmen. Mit dem Rest Ihrer Vorwürfe kann ich leben.

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