Die Höllenqual

„Der Kopf tut weh, die Beine auch, hab’ ein komisches Grummeln im Bauch, wen wundert’s, dass mir schlecht ist, Mallorca ist hart…“ Luigi grölt den Song laut durch die Wohnung. Aus der Stereoanlage tönt etwas leiser das Original von Peter Wackel. Er reißt immer wieder den rechten Arm hoch, reckt die Faust zur Zimmerdecke, singt mit. Dann der Refrain. Beide Hände nach oben und über den Kopf klatschend schreit er: „…die Dauerparty wird zur Höllenqual! – Aber Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr, Ole Ole und Schalalalalaa…“

Seit einer halben Stunde geht das nun schon so. Gemeinsam mit Stefan will Luigi in wenigen Minuten losfahren. Den Wohnwagen haben sie schon gestern Abend gepackt. Er steht unten vor dem Haus, Luigi hört zum letzten Mal den Dauerbrenner, um sich weiter in Stimmung zu bringen. Längst glüht er vor. Aktuell: Dosenbier! Stefan muss gleich fahren, er hat die Arschkarte gezogen. In der Nacht hat er schon hier auf dem Sofa gepennt. Sein Frühstück bestand aus Kaffee und Rührei, Luigis aus Sekt, Bier und Spiegeleiern. Nun ist Stefan schon runter gegangen, das Navi programmieren. Als bräuchten sie ein Navi!

Eier müssen sein, denkt Luigi, und der Wackel singt weiter aus den Boxen seiner Anlage. Zwar fahren sie nicht nach Malle, aber auf einen Campingplatz, gut fünfzig Kilometer entfernt, in die Nordeifel. So wie jedes Jahr. Dort trifft man sich eine Woche lang mit alten Kumpels. Klassenfahrt zum Lausbubentreff, obschon sie alle Ü-30 sind. Manche haben Frau und Kinder, Luigi nichts von beidem. Aber seit über zehn Jahren lautet das Kommando in dieser Woche: Feierlaune, Sektion Komasaufen! Als Zugabe inbegriffen: Frauen aufreißen im Luderland und das Klappmesser in der Hose akkurat aufspringen lassen. „Heiß drauf, Ficken ist nur einmal im Jahr, Ole Ole und Schalalalalaa…“ Luigi stampft mit den Füßen auf den Fußboden und grölt das Lied in der ihm eigenen Version mit.

Vergangenes Jahr war es eher mau gewesen mit dem schwanzlosen Fußvolk. Schon nach zwei Tagen hatten die anderen ihn ins Krankenhaus bringen müssen. Im Vollsuff war er in der Dusche ausgerutscht, hatte sich die Stirn wohl böse an den Armaturen aufgeschlagen und wäre fast verblutet. Eine unnötige Sauerei! Seither trägt er eine Narbe über einem Auge. Bis heute fehlt ihm jede Erinnerung daran, warum er nach einem stundenlangen Saufgelage und abenteuerlichen Trinkspielen überhaupt nachts duschen gegangen war. Die anderen meinten, er habe sich im Suff eingeschissen, also wohl deswegen. Erst nach zwei Stunden hatten sie ihn gefunden. Filmriss! Intensivstation! Halleluja!

Stefan steht plötzlich im Zimmer und dreht der Musik den Saft ab. „Bullenschwein! Spaßpolizei! Ich komm’ ja schon…“, schimpft Luigi ironisch. „Alter, glaubse nich’“, sagt Stefan. „Die Karre is’ weg!“ Luigi schaut ihn fragend an. „Wat?“ Stefan zuckt die Achseln. „Der Wohnwagen! Weg!“ Luigi denkt nach. Bier und Sekt haben schon Spuren hinterlassen. „Kein Scheiß?“, fragt er. „Kein Scheiß, au Banan!“, antwortet Stefan. „Ich hab schon mit dem Handy die Blauweißen gerufen. Die schicken ’ne Streife.“ Luigi dämmert, dass ihr Ersatz-Malle diesmal anders als sonst ausfallen wird.

Kurze Zeit später. Luigi sitzt auf den Stufen im Hauseingang. Er raucht. Zwei Polizisten sprechen mit Stefan. Er sagt ihnen, dass er den Wohnwagen mit seinem Kombi hierher gebracht hat. Man habe ihn am Vorabend nicht abgekuppelt, wohl aber gepackt, um heute Morgen direkt aufbrechen zu können. Sie stehen neben dem Kombi. Einer der Streifenbeamten macht Notizen. Der andere sagt: „Dann müssen die Täter den ja in der Nacht abgehängt und einen eigenen Wagen mit Hängerkupplung genutzt haben, um ihn hier weg zu kriegen?“ Luigi sieht, wie Stefan nickt. Wortlos.

Wie scheiße ist das denn, denkt er. Neben ihren Rucksäcken, vollgepackt mit den Klamotten und zwei Kartons voller Campingkram, waren noch zehn Kästen Bier, sieben Flaschen Doppelkorn und siebzehn Gramm feinstes Haschgift in dem Wohnwagen gewesen. Heiliger Motherfucker, denkt Luigi. Auch die zwei Packungen mit den extra feuchten Nachwuchsbremsen und Aidsabwehrtütchen sind futsch. Selten so eine Scheiße erlebt, grummelt er kaum hörbar vor sich hin, während Stefan mit den Polizisten spricht und sie die Strafanzeige aufnehmen. Der Super-GAU! Und was für ein verkacktes Scheißdreckleben, denkt er. Dann kommen ihm die Tränen.

(C) Michael Klarmann, November 2014 (Inspiration)

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