Die Buchstabenasche aus den Ritzen der Beziehungskisten

Ich bin hochgradig kriminell. Und meinen Namen, den werde ich Ihnen nicht verraten. Sie würden mich doch nur verpfeifen. Und ich war schon mehrmals an jenem Ort, von dem manch einer sagt, dass man dort gesiebte Luft atmet. Ein schwachsinniger Spruch. Er umschreibt nicht einmal ansatzweise, wie es im Knast wirklich zugeht. Abgesehen davon, dass die Haftanstalten heute überwiegend Panzerglasscheiben einbauen. Da ist kaum Raum zum Sieben der Luft.

Gerade habe ich mich von meiner Freundin getrennt. Oder sie sich von mir. Egal, wie man es nennt. Es zählt das Ergebnis und das ist: Ende! Aus! Schluss! Also hoch brisante Tage. Trennungen können einem das Genick brechen, auch ein kriminelles Kaltblut ist nicht gefeit vor einem Gefühlschaos. Trennungen lassen einen kopflos werden, man schweift ab mit seinen Gedanken, windet sich in Emotionen, Frustrationen und Erinnerungen an die guten wie an die schlechten Momente. In solchen Zeiten sollte man sich vorsehen. Man begeht Fehler. Zack, schon sitzt man hinter schwedischen Gardinen. Wieder zwei so sinnfreie Worte!

Und falls man dann eben dieses große Pech hat, hat man danach nicht nur keine Freundin mehr, sondern auch noch den Ruf weg, dass keine Geliebte einen besuchen kommt. Gut, werden Sie sagen, dann hätte ich auch wieder mehr Zeit für mein Hobby. Oh, verzeihen Sie! Ich habe es noch gar nicht erwähnt. Sie müssen wissen und ich gestehen: Ich nenne zwar keinen Namen, kein Alter, keine Beschreibung meiner Person – ich gebe nur zu: Ich! Schreibe! Gedichte! Für eine ehemalige Freundin schrieb ich zu einem Zeitpunkt, als wir noch zusammen waren, das Folgende.

Beleidige
Erniedrige
Runterputze
Den anderen
Den Du liebest
Schiebe ihm
Deine eigene Minder
Wertigkeitskomplexe
In sein Gewissen
Dich selbst
Schützt Du trotz
All der Liebe so
Galant davor
Dich in Selbstkritik
Üben zu müssen
Das Leben kann
So flüssig sein
Wenn man nur zuerst
Den anderen
In den Staub der
Eigenen Ödnis tritt.

Die Frau war hart an der Grenze. Erst sehr spät erkannte ich, was mit ihr nicht stimmte. Sie war eine Soziopathin. Dauernd musste man mit ihr über Dinge und Kompromisse diskutieren und streiten. Schaffte sie es einmal, sich in mich hineinzuversetzen, war die Haltbarkeit dieses Zustandes stark begrenzt. Tage später zog sie wieder nur ihr Ding ab. Sie hielt keine Termine ein. Gab man ihr Tipps, wie sie vielleicht Fehler vermeiden konnte in ihrem Leben, betrachtete sie einen als Autorität.

Autoritäten hasste sie abgrundtief. Gleichwohl bat sie mich immer wieder um Tipps oder Ratschläge. Ein Kreislauf gegen die Wände der Beziehungskiste. Selbst in den Fällen, in denen ich den Eindruck gewann, sie lenkt ein oder tut mir einen Gefallen, merkte ich bald, dass sie mir zuliebe nur etwas tat, weil sie sich einen größeren Eigennutzen davon versprach. Als mir ein Bekannter den Tipp gab, dass die Frau psychisch krank war, und ihr Sozialverhalten erheblich neben der Spur verlief, warf ich eine der Internet-Suchmaschinen an.

In mehreren Artikeln, die ich zum Thema Soziopathie aufrief und las, hieß es, dass diese Menschen besonders skrupellos und empathieunfähig sein können. Sie empfinden keinerlei Reue für ihr Tun. Selbst verschuldete Fehler schieben sie anderen in die Schuhe. Auch dann, wenn Soziopathen versuchen, sich in einen anderen Menschen oder ihre Liebsten hineinzuversetzen, sollte man sich demnach nie sicher sein können, ob sie wirklich Gefühle zeigen und zu Kompromissen bereit seien.

Dasselbe gilt, falls sie vorgeben, die Gefühle des anderen nachvollziehen zu können. Man könne sich, so hieß es in den Texten weiter, nie sicher sein, ob sie nicht doch nur schauspielern, um andere Menschen weiter systematisch und skrupellos ausnutzen zu können. Soziopathen seien hoch intelligent und analysierten ihre Umgebung fortwährend. Erkenntnisse würden sie anwenden, um eigene Interessen durchzusetzen, selbst dann, wenn diese nur dazu dienen, anderen zu schaden.

In einem der Artikel stand sogar, dass ein Soziopath als Mitarbeiter eines kleinen Unternehmens eine extreme Gefahr für dessen Erfolg darstelle. Sobald ihnen etwas nicht passe, oder sie sich mit anderen Kollegen oder der Betriebsleitung überwerfen, rebellieren sie, torpedieren heimlich oder offen den Betrieb. In dem Beitrag hieß es auch, dass solche Menschen dazu in der Lage seien, selbst prosperierende, lange Zeit sehr erfolgreiche Unternehmen oder gut aufeinander abgestimmte Belegschaften mit der Größe von bis zu dreißig Mitarbeitern gegen die Wand zu fahren. Falls niemand rechtzeitig die Notbremse ziehen würde.

Ich hatte bis dahin immer gedacht, als Selbstständiger und Kriminalität-Allrounder wäre ich mit allen Wassern des Gewerbes und der Freiberuflichkeit gewaschen. Bei jener Frau aber musste ich erkennen, dass meine eigene Skrupellosigkeit bei weitem nicht an die ihre heranreichte. Verstehen konnte ich nicht, warum sie mir einerseits sagte, dass sie mich liebte, andererseits aber oft Gelegenheiten nutzte, mich zu düpieren oder auf meinen Nerven herumzutrampeln, selbst im Beisein anderer Menschen. Es war wie ein Kleinkrieg.

Irgendwann konnte ich dann gegenüber Kunden meinen Werbeslogan – bei mir buchen Sie das Rundum-Sorglos-Paket: stehlen, liefern, versetzen, verschleiern, regeln, nötigen und erpressen – nicht mehr einhalten. Das Chaos mit der Frau, die sich, wenn ich sie zurecht wies und im Streit die Oberhand gewann, plötzlich weinerlich als mein Opfer präsentierte und mir Schuldgefühle einzuimpfen versuchte, machte mich nervlich zu einem Wrack. Die freie Marktwirtschaft strafte meine Unzuverlässigkeit ab.

Vor einer Trennung schreckte ich aber immer wieder zurück. Die Frau hatte sich in meinem Leben festgefressen, wusste Unmengen über mein Tun. Würde sie auspacken, so käme ich in große Schwierigkeiten. Als ich dann verstand, dass das Problem sich nur durch eine Trennung lösen ließe, musste ein klarer Schnitt erfolgen. Ich überraschte sie mit einer Reise nach Asien in eine touristische Hochburg mit halbseidener Glitzerwelt und einem traumhaften Schwarzmarkt für Drogen. Der Mann, der den Rest erledigte, kostete mich eine unschöne Summe. Die Antwort auf die Frage, ob ich selbst auch ein Soziopath war, schob ich vorerst beiseite.

An jenem Tag, als ich das Gedicht über diese Frau und unsere Ödnis morgens um drei Uhr in Boxershorts am Küchentisch niederschrieb, habe ich später einen Imbiss um seine gesamte Außengastronomie erleichtert. Zwanzig Stühle, acht Tische, einen Sonnenschirm sowie vier Blumenkübel transportierte ich in einem Anhänger ab. PKW und Hänger hatte ich mir geliehen, das Auto bei einem Kumpel, den Lastkahn bei einem entsprechenden Leihservice.

Sie müssen nun aber nicht denken, dass ich billiges Kunststoffmobiliar gestohlen hätte. Für wen halten Sie mich denn bitte? Es waren Spezialanfertigungen aus Holz, das gesamte Repertoire im Stil eines Countryclubs gehalten, und die Blumenkübel als Wassertränken gebaut. Der Kunde legte einen ordentlichen Batzen Bargeld hin, als ich ihm die Ware anlieferte. Er verlud sie in einen Frachtcontainer. Das Zeug dürfte an der niederländischen Küste aufgetaucht sein und nun deutsche Touristen erfreuen. Zuhause angekommen, schrieb ich ein Gedicht, als meine damalige Freundin schon schlief.

Lyrik ist
Der Todesstoß
Flüssigen Lesens
Und der Beginn
Des Nachdenkens
Falls man denn
Genug
Zeit hat.

Manchmal gönne ich mir sehr viel Zeit. Dann spiele ich Rollen. Vielleicht brauche ich gelegentlich auch nur einen Kick. Adrenalin! Die direkte Konfrontation mit den Opfern, das Narren derselben, die Irreführung – und den Nervenkitzel, erneut einfahren zu können. Ich weiß nicht, wo dieses Verlangen herrührt. Oben sagte ich Ihnen, dass die Zeiten kurz nach dem Ende von Beziehungen gefährlich sind. Doch wenn es in der Hüfte des Terminplanes und des Nervenkostüms äußerst geschmeidig zugeht, dann suche ich die Gefahr bewusst, manchmal.

Es begann damals damit, dass ich mich verwandelte. Ich zog eine Perücke mit dunklen Haaren an, rieb mir hellbraunes Make-up ins Gesicht und auf die Handflächen, und schminkte mir zur Krönung noch zwei verkrustet wirkende falsche Wunden an die Stirn. Ich zog einen grauen und schmuddelig wirkenden Pullover und eine abgewetzte dunkle Hose an. Ich trank etwas Alkohol, um eine Fahne zu simulieren. Und ich sprach fortan nur noch mit Akzent, mimte den Südländer.

So betrat ich eine Kirche zur Messfeier an Allerheiligen. Zuvor schon hatte ich das Gotteshaus ausgekundschaftet und wusste, wo die Toiletten lagen. Das Kommen der Gottesdienstbesucher nutzte ich dazu, mich abzusetzen. Als später alle gegangen und alle Außentüren verschlossen worden waren, kam ich wieder aus der Toilette hervor. Diese gutgläubigen Christen. Sie waren fort, aber niemand hatte das stille Örtchen kontrolliert. Ich hatte freie Hand. Und brach Fragmente vom Tabernakel ab, die ich später versetzen wollte.

Ein Einbruch in die Sakristei scheiterte, weil ich die Türe nicht aufhebeln konnte. Freilich ging es mir sowieso weniger um die Beute, sondern vielmehr um den Kick. Also zog ich mich kurz vor Beginn der Abendmesse wieder auf die Toilette zurück, sperrte mich wieder selbst ein. Wollte erst hervorkommen, wenn die Messgänger eintreffen würden und mich dann absetzen. Aber ich irrte. Es folgte keine Abendmesse. Was folgte, war ein Kirchenmann, der doch noch die Toiletten kontrollierte. Ich hatte abgesperrt, er polterte wild gegen die Türe.

Irgendwann drohte er mir mit der Polizei. Ich nuckelte noch einmal an meinem Flachmann, verteilte den Schluck Schnaps in meinen Mundwinkeln, schluckte nach zehn Sekunden alles herunter und trat hervor. Dieser Gutmensch. Er glaubte mir, dass ich ein in Deutschland gestrandeter Zigeuner sei, der ohne Geld und Obdach leben musste und dessen Frau als Putzhilfe in Berlin jobbte, um unsere neun Kinder in einem Abbruchhaus in der Heimat durchfüttern zu können. Ich sei gescheitert, traue mich nicht, meine Frau zu besuchen, ihr beichten zu müssen, wie böse man mir mitgespielt hatte, sagte ich. Ich hätte Helferjobs auf Baustellen erledigt, aber der Unternehmer habe mich ausgenutzt, nie gezahlt, fuhr ich fort.

Am Ende kamen zwei Passanten hinzu und steckten mir gutgläubig ein paar Euro zu. Dann warfen sie mich gemeinsam aus der Kirche. Ich las später in der Zeitung, dass die Polizei mich – oder besser: meine Figur – suchte. Den Kirchenleuten war erst ein Tag darauf und kurz vor der Sonntagsmesse aufgefallen, dass ich Teile des Tabernakels abgebrochen und gestohlen hatte. Auch den versuchten Einbruch in die Sakristei bemerkten sie erst dann. Hätte ich nur ein Brecheisen mitgenommen, alles Wertvolle geraubt und mich über das Seitenfenster aus dem Staub gemacht. Aber der Kick, als ich schauspielern musste, war äußerst solide gewesen.

Würden Sie mir nun noch glauben, dass ich Gedichte schreibe? Ich weiß selbst nicht, warum ich diese Marotte hege. Hochgradig kriminell, und trotzdem setzte ich mich manchmal mit Kugelschreiber und Notizblock am Küchentisch und schrieb. Eine meiner Freundinnen hat mich einmal damit aufgezogen. Ich sei ein Mädchen, mülle wie eine Halbwüchsige ein Poesiealbum mit pubertären Dreck voll. Ich habe sie gebeten, damit aufzuhören. Aber sie zog mich immer weiter damit auf. Später machten wir daraus ein Sturzgeschehen, denn im Krankenhaus wollten die Ärzte wissen, wo ihre Verletzungen herrührten. Tags darauf schrieb ich über uns.

Mitmenschen sind
Menschen die mit
Oder gegen einen
Leben so wie Mit
Bürger sind
Die Mit oder Gegen
Die Gesellschaft
Daseinsind.

Ein blödsinniges Gedicht, dummes Gestammel ohne Sinn und Geschmeidigkeit. Völlig unbrauchbarer Mist also! Aber so ist das eben, manchmal klappen die Gedichte nicht und andermal scheitern die Dinger, die man drehen will. Manchmal baldowert man etwas aus, und dann bricht man ein, und irgend etwas geht schief. Oder plötzlich ist das Diebesgut, auf das man es abgesehen hat, an einem anderen Ort – oder ein Tresor ist ohne Inhalt. Dann kommt man mit leeren Händen heim, weiß nicht, wie man seiner Kleinen imponieren soll, muss ihr das versprochene neue Kleid ausreden. Und dann setzt man sich hin, und schreibt seine Gefühle nieder.

Eine Pechsträhne
Ist noch lange nicht
Zu Ende nur
Weil sich Glück
Liche Momente
Wieder häufen.

Einmal habe ich ein Kind geschlagen. Heute tut mir das sehr leid, aber als es geschah, war ich dermaßen erbost, dass ich es tun musste. Ich war unterwegs mit einem Kumpan, wir hatten Ware im Kofferraum, wollten einen Abnehmer aufsuchen. Waren in Eile. Und dieser Rotzlümmel stolpert, vor sich hin träumend auf die Straße, kurz vor einer Verkehrsinsel. Wir hätten ihn fast überfahren, als er achtlos auf die Straße trat. Mein Kumpel stieg voll in die Eisen, die Reifen quietschten und die Ware im Kofferraum machte sich polternd bemerkbar.

Der Junge im Grundschulalter starrte uns kurz erschrocken an, ich hatte den Schweiß auf der Stirn stehen. Dann blickte er in eine andere Richtung und ging einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Ich hasste ihn sofort. Er ging ein paar Meter weiter neben dem Bürgersteig her, dann überquerte er die Straße, und als er auf der Verkehrsinsel ankam, fiel dem Trottel auch noch die Jacke hin. Wir standen immer noch einige Meter entfernt, dann gab mein Kumpan Gas, wechselte auf die Gegenfahrbahn, bremste mit quietschenden Reifen neben dem Kind ab, als wolle er ihm den Weg abschneiden.

Noch bevor er aussteigen und mit dem Jungen über die Motorhaube hinweg schimpfen konnte, öffnete ich die Fahrertür und stieg selbst aus. Als der Lümmel sich wieder aufrichten wollte, nachdem er seine Jacke aufgehoben hatte, verpasste ich ihm eine Schelle. Einige Tage später hörte ich im Radio, dass er es seinen Eltern erzählt haben musste, die dann bei der Polizei Strafanzeige erstattet hatten. Nach uns wurde also mal wieder gefahndet.

Laut der Täterbeschreibung sollte ich südländisch ausgesehen haben. Dabei war ich gar nicht geschminkt gewesen. Offenbar hatte der Junge mich gar nicht anschauen können und dann aus den medialen Schauermärchen über die Kriminalitätsfluten vom Balkan sein kindliches Seemannsgarn geflochten. Verschwiegen hatte er wohl auch, dass er uns vor das Auto gestolpert war und nicht auf dem Verkehr geachtet hatte. Nach der Meldung im Radio setzte ich mich an den Küchentisch – und da ich zu der Zeit solo war, konnte mich auch niemand aus der Ruhe bringen.

Wer Luftschlösser
Nachmacht oder verfälscht
Oder nachgemachte oder ver
Fälschte sich verschafft und in
Gehirnverzehr bringt wird mit
Der Verdauung der
Realität nicht unter
Sehr vielen
Bauchschmerzen bestraft.

Sie meinen wohl, nach alldem, was ich Ihnen hier geflüstert habe, mich ließe alles kalt. Doch tief in meinem Herzen bin ich ein sehr guter, braver und lieber Mensch. Die Trennung von meiner jetzigen Ex, noch frisch wie ein Stück rohes Fleisch, setzt mir zu. Es fühlt sich an, als würde mir eine mächtige Faust in den Magen schlagen, die Gedärme packen und an diesen zerren und zerren und reißen und reißen. Manchmal dauern solche Schmerzen ein paar Tage, manchmal Wochen, schlimmstenfalls Monate. Bei einem Kollegen hielt er mal über Jahre an. Er war so sehr verliebt gewesen, dass er immer wieder in Tränen ausbrach, wenn er mit anderen Mädels anbändeln wollte. Was ein armes Schwein!

Ist man wirklich verliebt – oder es gewesen – sagt einem irgendwann der Kopf, dass es genug ist, weil es an anderer Stelle in der Beziehungskiste quietscht und knarzt. Gut, das klingt hier nun wie auf den Allgemeinplätzen der Zwischenmenschlichkeit. Doch Kopf und Bauch harmonieren nicht, wenn man sich dann trennt, und die Liebe noch existiert. Alleine die Vorstellung daran, dass meine Ex gerade mit einem anderen anbändelt und sich mit diesem in den Lacken oder auf einer Toilette eines Anbaggerschuppens vergnügt, frisst mich innerlich auf wie ein aggressiver Gehirntumor. Dazu hat die jetzige Trennung mich erstmals so aus dem Konzept gebracht, dass ich plötzlich auch noch über Selbstmord nachdenke.

Dereinst
Soll man mich
Verbrennen
Und wenn ich
Verstorben bin
Soll man mir Bücher
In den Sarg legen
Denn ich werde
Hungrig sein
Nach
Buchstabenasche
Nachdem ich die
Suppe des Lebens
Restlos aus
Gelöffelt habe.

Ich erinnere mich daran, dass wir mit zwei anderen Paaren einmal ein Thermalbad besucht haben. Damals war ich frisch mit der Frau liiert, von der ich mich nun wieder getrennt habe. Wir saßen alle in einem Whirlpool, der insgesamt fünf Paaren Platz geboten hätte. Wir trugen Badeshorts, unsere Frauen Bikinis. Man sah uns an, dass wir unser Geld nicht unbedingt auf eine Art und Weise erwirtschaften, wie es andere Menschen tun. Trotzdem setzte sich ein junges Paar zu uns.

Er war durchtrainiert, Bi- und Trizeps waren ausgeformt, sein Brustkorb und das Kreuz wirkten ein bisschen wie ein Panzerschrank. Er trug mehrere Tätowierungen, so wie auch wir. Seine Beine wirkten eher nicht sonderlich ausgeprägt und durchtrainiert, ein Diskopumper also. Seine Freundin war sehr dünn, allerdings wohl nur, weil sie wenig aß oder sporadisch kränkelte. Sportlich schlank wirkte sie jedenfalls nicht. Sie trug einen schwarzen, bauchfreien Badeanzug, hatte, obschon sie so dünn war eine anständige Oberweite und war ebenfalls tätowiert.

Wir wollten eigentlich unsere Ruhe haben, aber sie setzten sich dazu, redeten und scherzten miteinander. Ich konnte sie nicht verstehen, der Geräuschpegel des Whirlpools und jener im übrigen Bad waren zu groß. Einmal küssten sie sich. Und einmal, einmal sah er zu uns herüber. Zuerst sah er meine Freundin an, in die ich mich damals frisch verliebt hatte und die mir nun so schwer im Magen liegt. Auch sie hat eine anständige Oberweite vorzuweisen. Eben diese starrte der Bursche kurz an und grinste dann eher in Gedanken verloren vor sich hin. Sein Mädchen lag mit geschlossenen Augen neben ihm und roch den Braten nicht.

Dann wanderte sein Blick weiter – auf mich. Es benötigte eines kurzen Blickkontaktes zwischen uns und ihm wurde in Sekundenschnelle bewusst, dass ich zwar weitaus weniger kräftig gebaut war als er, aber mit mir nicht zu spaßen war. Er verstand blitzschnell, dass ich vom Typ Straßenköter war. Würde er noch einmal unangemessen auf die Brüste meiner Freundin starren, würde ich ihm kurz und bündig die begrenzte Effektivität seines Bodybuildings aufzeigen müssen. Dabei geschissen auf all die Gedichte.

(C) Michael Klarmann, Dezember 2014, basierend teilweise auf Skizzen aus 2013 (Inspiration; Inspiration; Inspiration)

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