Der feine Herr Gaunerzinker

Der Applaus schwillt an. Er genießt es. Und doch verachtet er diese Narren. Das Publikum hat sich von seinen Sitzen erhoben, er selbst lächelt bescheiden, wiewohl stolz stehend vor den Schauspielern des Ensembles. Der Sound ist sein Handwerk. Er, der Tontechniker. Und ihr, denkt er und lächelt, seid die Idioten in meinem Schauspiel. Wenn ihr wüsstet! Aber sie, sie wussten – nichts!

Jan Nustroglowski ist vierundfünfzig Jahre alt. Typ Guterkumpel, Typ Sozialarbeiter, Typ ausgereifter Hippie, lang- und grauhaariger Ex-Musiker in Jazzbands mit Stoppelbart. Nunmehr selbst der Mann am Mischpult. Alleinstehend, keine Kinder. Zwar verdient er sein Geld in der Sozialarbeit, leitet musikpädagogische Gruppen in Integrationsprojekten, die von der Kirche und von Antirassismus-Stiftungen gefördert werden. Aber er kann das Pack, dem er dabei helfen soll, sich zu integrieren, nur selten leiden. Seine Kollegen hält er für naive, arschlöchrige Gutmenschen.

Und sie klatschen. Und er grinst weiter und weiter. Längst ist das Bescheidene aus seinem Lächeln einem Hauch von Arroganz gewichen. Seine Arbeit erfüllt ihn, aber auf dem freien Markt würde er in seinem Alter nie mehr einen solchen Job wie diesen finden. Irgendwann, als er seine linksliberalen, alternativen Prinzipien aus der 68er-Nachfolgegeneration über Bord geworfen hat, wollte er kündigen. Die berüchtigten Nägel mit Köpfen machen. Doch dann war ihm die Ironie der Realität aufgefallen. Die, die ihn finanzieren, finanzieren zugleich seinen Kampf gegen – sie!

Nun muss er laut lachen, als er zurück tritt, aus dem Scheinwerferlicht in die letzte Reihe hinter den Schauspielern. Er, das U-Boot, inmitten der unselig Gutgläubigen. Sogar der feine Herr Redakteur hat sich herabgelassen, das Stück zu begutachten, denkt er. Logisch, ein solcher Integrationsphantast muss schließlich zu einem Theaterstück über Rassismus und dessen tödlichen Folgen erscheinen. Nustroglowski ist sich sicher, was am Montag in der Lokalzeitung steht. Ein blindes Lob!

Sogar diese Niete hat geklatscht, als ihn der Leiter der Einrichtung auf die Bühne gebeten hat. Zuerst blendeten ihn die Scheinwerfer. Doch dann sah er ihn. Den feinen Herrn Redakteur. Dritte Reihe, Notizblock unterm Ellenbogen geklemmt. Und in debiler Haltung klatschte er, zwinkerte ihm sogar einmal zu. Beide kennen sich seit Jahren. Immer wieder berichtet der Schmierfink über die seiner Meinung nach gelungenen Integration.

Jan Nustroglowski hat eine dicke Mappe mit Artikeln in seinem Wohnzimmerregal stehen. Allesamt billige Multikulti-PR, die DDR-Staatsmedien hätten dem Schweinejournalisten deswegen einen Orden als Held der Volksverdummung angeheftet. Indes weiß er, der Redakteur, nicht, dass er, Nustroglowski, ihm regelmäßig deswegen Botschaften schreibt, wenn er mit seinem hasserfüllten und verblendeten Zuwanderungslobhudelei, mit seiner Judenpropaganda durch den Blätterwald jagt.

„Nun, dann informiere uns unwissende Leser doch sachlich über die Friedfertigkeit dieser Religion. Geht wohl nicht? Na los, Hund! Versuche es doch wenigstens, stammele irgendetwas aus der Propaganda-Fibel des Schwarzen Kanals. Was für ein armseliger Drückeberger er ist. Pfui! Los, Du Blödmann. Lies den Talmut!“ Nustroglowski lacht laut auf, als er bei dem Ensemble steht. Jemand sieht ihn ebenso lachend an, nickt ihm zu, sagt etwas, was bei dem Jubel nicht zu verstehen ist. Irgendwie liest Nustroglowski von den Lippen ab: „Großartig!“

Er meint das Stück, die gelungene Premiere, den Applaus. Doch Nustroglowski lacht über den Pressesekretär, der ihm zujubelt, nicht wissend, dass er derjenige ist, der für einen späteren Prozess Beweise gegen ihn sammelt und ihn regelmäßig zur Weißglut treibt. „Was für eine stinkende Brut. Drecksagitatoren! Weiber haben mehr Moral! Vielleicht fängst Du Zeitungshure mal an. Nicht nur belehren. Aktiv werden! Werde selbst Vorbild, Buchstabenlump! Jeder sollte sich einen Neger, einen Moslemhund, eine Judensau gönnen! Nimm also die Asylbetrüger bei Dir auf, Multikultifaschist!“


Später, auf dem Heimweg. Jan Nustroglowski hat seit kurzem immer ein Stück Kreide in einer seiner Jacken- oder Hosentaschen. Er macht sich einen Spaß daraus. Irgendwann hat er davon gelesen, dass fahrendes Volk, Zigeuner und osteuropäische Verbrecherbanden vor vielen, vielen Jahrzehnten Wohnungen, Garagen und Büros ausbaldowerten. Gaunerzinken nennt man das, was sie danach auf dem Bürgersteig, der Straße oder an Hauswänden und Türen hinterließen.

Ein Geheimcode. Nur die Fachleute aus der Halb- und Unterwelt wissen, die Symbole zu deuten. Hinweise auf mögliches Diebesgut, vorhandene Sicherheitsmaßnahmen oder sonstige Informationen. Nützliches für die später zur Tat schreitenden Diebe. Nustroglowski geht durch die Nacht und holt die Kreide aus der Tasche. Die Premiere ist Geschichte. Er will an die Wand eines Hauses, in dem eine Anwaltskanzlei residiert, malen. Und muss lachen.

Seit Wochen berichten nämlich Zeitungen und Polizei davon, dass die Bürger glauben würden, umherziehende Banden würden Häuser markieren. Dabei ist nur er es, Nustroglowski, und die Kreide stielt er bei seinem Chef im Schulraum für die Integrationskurse. Zu seinen Hobbys gehört das Anbringen von Phantasiezeichen. Und dazu gehören die anonym verschickten Attacken gegen die Staatspropagandisten.

Diesmal macht er sich einen Spaß daraus, die hinlänglich bekannten Kreidezeichen der Sternsinger in abgewandelter Form zu hinterlassen. Er malt ein C für Caspar und ein M für Melchior, statt des B für Balthasar malt er jedoch die Ziffer 8. Als Jahreszahl hinterlässt er nicht 2014, sondern die Buchstabenfolge MMXIV. Nustroglowski grinst breit.

In der Zeitung hat er vor einigen Tagen gelesen, dass Anwohner selbst die Kreidezeichen der Sternsinger für Gaunerzinken gehalten haben. Was werden sie wohl denken, wenn sie meine freie Interpretation lesen, spottet er in Gedanken über die hysterischen Narren. Und geht weiter. Wie dumm die Menschen doch sind, denkt er. Als würden Gauner heute noch zinken. In Zeiten von GPS und Google-Earth. Dieses Land verkommt, der Zuzug fremdartiger Banausen hat es ideologisch und intellektuell vor die Wand gefahren.

Doch falls sich mit solch’ einfachen Mitteln die Stimmung gegen Zugewanderte und Reisegauner anheizen lässt, dann soll es mir Recht sein, denkt er. Und als er weiter heimwärts schlendert, fällt ihm wieder die Mail ein, die er an den Redakteur abgeschickt hat anlässlich eines beschwichtigen wollenden Berichtes über die aktuelle Hysterie.

„Es handelt sich um Gaunerzinken, die sind unter Zigeunern sehr beliebt! Aber das weiß der gutmenschlich Debile nicht! Er hat keine Ahnung, dass es das Böse überhaupt gibt! Naiv wie ein Waschweib sitzt er aber an den Hebeln der Schaltzentrale der vierten Macht! Niemals würde ich aber einen Redakteur ein Arschloch nennen. Niemals! Zu groß wäre auch die Angst vor dem Denunziantenpack der Antifa, das meine Dienstherrn informiert. Der Tag wird kommen, an dem Gott über Euch richtet! Ihr Freisler-Adepten am medialen Volksgerichtshof!“

Himmelherrgott, denkt er, während seine Finger mit dem Stück Kreide in seiner Tasche spielen und er weiter heimwärts schlendert, was ist der Redakteur für ein Arschloch. Und sein eigener Chef erst! Würde dieser ahnen, dass ich diesen Zeitungslumpen immer deutlich meine Meinung schreibe und an dem ganzen sonstigen widerwärtigen Pack kein gutes Haar lasse, dann wäre ich den Job los. Dieses naive Gutmenschenpack, denkt Nustroglowski.


(C) Michael Klarmann, Dezember 2014 (Inspiration)

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