Am Ende des Ballermanns

Als mir die Bullen die Tür eintreten, schieße ich dem Drecksack gerade eine Granate ins Gesicht. Das Vieh explodiert, ich reiße jubelnd die Arme hoch, weil ich den Level geschafft habe. Dann packen mich Hände an den Schultern, zerren mich mit dem Stuhl und meinem Headset hinterrücks zu Boden. Der Stecker der Kopfhörer löst sich, ich höre ein Klicken neben meinem Kopf, als einer der Bullen mir seine Knarre an die Schläfe drückt und den Hahn seines Colts spannt. Kurz darauf schießt er mir in den Kopf. Oha!

Schweißgebadet wache ich auf. Es ist kurz nach vier Uhr am Morgen. Ich schüttele mich, versuche, den Kopf klar zu bekommen. Im Zimmer ist es still. Die Ziffernanzeige am Radiowecker und die Leuchtdiode am USB-Hub tauchen die Wände zum Teil in ein rötlich, zum Teil in ein bläulich schimmerndes, schwaches Licht. Mein Bettzeug fühlt sich klamm an, mein T-Shirt ist im Bereich meines Brustkorbs und unter den Achseln klatschnass. Ich erinnere mich daran, dass gestern Heiligabend war.

Seit einigen Tagen verfolgt mich dieser Alptraum, ein anderer seit Wochen schon. Tatsächlich hatten die Bullen vor, mein Zimmer zu stürmen. Ich spielte gerade einen Shooter und als der Zähleronkel des Stromversorgers bei einem Nachbarn geklingelt hatte, hatten beide bis in den Hausflur auch meine Rufe gehört. „Ich knall dich ab!“ Der arme Mann witterte einen Streit nebst einer Bedrohung, zog sich bis auf den Bürgersteig zurück und wählte die 110.

Gott sei Dank erklärte mein Nachbar den Bullen kurz darauf, dass ich ein Gamer bin, man die Geräuschkulisse des Ballerspieles wegen des Headsets indes nicht hören kann. Meine Rufe jedoch schon. Angeblich waren diese sogar bis vor die Haustüre zu hören gewesen. Die Bullen klingelten an meiner Wohnung und mahnten mich zur Mäßigung. Mein einer Alptraum verlief also etwas anders als die Realität und endete mit meinem Tod.

Ich überlege kurz, ob ich mein vollgeschwitztes Schlafshirt wechseln soll, entscheide mich aber fürs Erste dagegen und wickele mich in das klamme Bettzeug ein. Mich fröstelt, erst recht, als ich daran denken muss, wie ich tags zuvor im Altenheim saß, mein zweiter, jedoch sehr realer Alptraum. Der liegt nun gut zwölf Stunden zurück. Oma sah nicht gut aus. Ich denke, sie stirbt. Sie hat seit Tagen nicht mehr richtig gegessen und trinkt auch kaum noch.

Ihr Sturz liegt drei oder vier Wochen zurück. Es ist ihr erstes Weihnachten im Altenheim. Heiligabend arbeiten dort noch weniger Pflegerinnen und Pfleger als sonst. Von außen wirkt der Seniorenstift solide und sauber. Im Inneren erkennt man aber, dass alles nicht ganz so einwandfrei läuft. Meine Freundin, die mich einmal begleitete, sagte, es rieche überall leicht nach Urin. Ich selbst habe das nicht wahrgenommen, vielleicht auch nur deswegen, weil die Toiletten in der Neubauphase schlecht geplant wurden und aus der Kanalisation nun stetig ein Hauch von Jauche zurückstößt.

„I hope I die before I get old“, sangen The Who einst. Ausgerechnet ich war der einzige Verwandte, der noch im Umfeld von Großmutter lebte. Andere Familienmitglieder waren verzogen oder verreist, Opa war lange schon tot. So war es also an mir, Oma an Heiligabend zu besuchen, sie mit ihrem Rollstuhl gegen 15 Uhr aus dem Gemeinschaftsraum abzuholen, um sie ins Zimmer zu bringen. Dort steht ihr Telefon, und die übrige Verwandtschaft wollte anrufen und ihr schöne Feiertage wünschen.

Es waren kurze Gespräche, dann saßen wir uns schweigend gegenüber in diesem unpersönlich eingerichteten Pflegezimmer. Sie in ihrem Rolli, ich auf einem Stuhl am Tisch. Ich war der einzige Atheist in der Familie, feierte weder Weihnachten noch Ostern, hatte noch nicht einmal die Totenmesse von Großvater besucht bei dessen Beerdigung. Nun saß ich hier mit dieser streng gläubigen Seniorin – und nichts deutete darauf hin, dass Weihnachten sein könnte. Es war der Heilige Abend.

Oma trank an ihrer Cola, ihre Hände zitterten, wenn sie das Glas zu ihren vom Sturz immer noch lädierten Lippen führte, um einen Schluck zu nehmen. Sie wirkte sehr schwach und gebrechlich, fast schon wie ein Geist im Schein der Abenddämmerung. Nach wenigen Schlucken vertrug sie die Kohlensäure nicht und begann zu husten und zu würgen. Ich hielt ihr, wie so oft in den letzten Wochen schon eine graue Nierenschale aus rauher Pappe ans Kinn, aber sie erbrach diesmal nicht.

Natürlich war das Getränk in ihrem Zustand nicht gut für sie, allerdings wollte sie nichts anderes trinken. Und ihre Hände umklammerten immer noch das Glas mit der Cola. Dort wo ihre blutigen und schorfigen Lippen den Rand berührt hatten, war das Glas verschmiert, als habe sie einen kotig-braunen Lippenstift aufgetragen vor dem Trinken. Ich ekelte mich, musste mich fast übergeben. Das ging nun schon seit Wochen so und ich wusste, dass ich nach der Heimfahrt in meiner Wohnung über Stunden nichts essen oder trinken konnte nach ihrem Anblick und den Gerüchen.

Ich würde schweigend aus dem Fenster starren, dabei rauchen oder einen Shooter spielen. Mir vorstellen, dass die, die ich abschlachten würde, diese scheiß unterbezahlten Pflegerinnen und Pfleger wären, die sich nicht wirklich bemühten oder sagten, alles sei den Umständen entsprechend in Ordnung. Die lieber rauchend am Ende des Flures standen, wenn sich der senile alte Sack aus dem Nebenzimmer wieder vollpisste – oder Oma sich nicht mehr daran erinnerte wo sie klingeln musste, damit man ihr auf die Schüssel half.

Großmutter erwartete von mir irgend etwas weihnachtliches, etwas christliches. Gut, es war Heiligabend, aber das war mir egal. Sie sah mich manchmal flehend an, als wenn sie sagen wollte: Junge, mein erstes Weihnachten ohne Baum und Krippe in den eigenen vier Wänden. Tu etwas, Junge! Ich sah sie an, aber mein eigener Blick war leer. Und nach schweigsamen Viertelstunden rief ich schließlich die Pfleger herbei, die Oma ins Bett legen sollten.

Sie wollte allein sein. Ohne Abendbrot, alleine daliegen, noch nicht mal TV schauen oder Radio hören. Und einer der Pfleger sagte, es seien halt diese verdammt schweren Tage und diese Jahreszeit. Als sie die Greisin ins Bett legten, erfüllte ein scharfer Geruch nach Urin den Raum. Oma trug Windeln. Wie ein kleines Kind. „I hope I die before I get old“, sangen The Who wieder und wieder in meinen Gedanken. Ich fuhr nach Hause.

Mich fröstelt. Ich stehe auf, wechsele das durchgeschwitzte T-Shirt nun doch, will mich nicht erkälten. Das Bettzeug wende ich, so dass die von meinem Schweiß feuchten Stellen am Deckbett nun nicht mehr nach unten gerichtet, sondern obenauf liegen. Dann lege ich mich wieder hin. Ich mache das Radio an und es läuft die Aufzeichnung eines Kabarett-Programms. Für den frühen Morgen am ersten Weihnachtstag nicht schlecht, denke ich.

Während der Kabarettist unter dem Gejohle des Publikums von einem Egoshooter-Spieler erzählt, dem die Bullen die Türen eintreten, weil er so blöd ist, mit seinen Rufen jemanden killen zu wollen, die halbe Nachbarschaft beschallt. Ich schrecke hoch und sehe, wie meine verstorbene Oma wie ein Gespenst an meinem Rechner sitzt und immer wieder röchelt, sie werde mich killen. Ich liege zwar im Bett, kann aber erkennen, dass ich als Miniatur auf dem Bildschirm durch ein Labyrinth aus Gängen vor dem Lauf einer Kalaschnikow fortlaufe.

Immer wieder jagt Oma mir Salven aus dem AK-47 hinterher auf meiner Flucht. Ich schlage Haken wie ein Hase, um den Projektilen auszuweichen. Dann spüre ich einen Schmerz im Rücken, als mich diese verdammten Kugeln durchsieben und mir einige Rippen brechen. Zombieoma reißt ihre knochigen Arme hoch und jubelt wie ein Schützenkönig. Blutiger Speichel spritzt während der Freudenschreie auf meinen Bildschirm. Ich schrecke schweißgebadet hoch.

Im Zimmer ist es still. Die Ziffernanzeige am Radiowecker und die Leuchtdiode am USB-Hub tauchen den Raum zum Teil in ein rötlich, zum Teil in ein bläulich schimmerndes, schwaches Licht. Dann sehe ich, wie meine Zimmertüre krachend zertreten wird und das SEK der Bullen hereinstürmt. Ich sitze aber nicht am Computer, sondern liege immer noch im Bett. Einer von ihnen schleudert mir eine Blendgranate entgegen.

Dann wache ich endlich auf, Shirt und Bettzeug fühlen sich an, als würde ich mich gerade in einer Grube voller Schlamm und Morast wälzen. Ich bin mir sehr sicher, dass Oma in jenem Augenblick gestorben ist und zucke zusammen bei diesem Gedanken. Mich fröstelt und ich beginne zu weinen. Aber das Altenheim wird mich erst zwei Tage später anrufen.

(C) Michael Klarmann, Februar 2015 (Inspiration)

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