Die Katze nach der heißen Zechnacht

Ein eisiger Wind bläst ihr ins Gesicht. Das Polizeipräsidium liegt am Rande der Stadt, zwischen Tennisfeldern, dem Reitstadion, Straßen, dem Knast, der Eisporthalle und dem Tivoli, einer TÜV-Prüfstelle, einem Hotel und Gewerbeansiedlungen. Jenny fröstelt. Ihr Kopf schmerzt und einige Stellen ihres Körpers fühlen sich auch kaum besser an. Nicht die grassierende Grippewelle hat sie gepackt, ein Kater und die zupackenden Beamten sind an ihrer Misere schuld. Sie wählt Rolfs Mobilfunkrufnummer, aber sein Smartphone ist ausgeschaltet.

Sie spricht ihm auf die Mailbox, sagt ihm, dass er sie abholen soll, macht sich aber wenig Hoffnung darauf, dass er ihrer Bitte folge leisten wird. Kurzerhand wählt sie die Nummer der Taxizentrale und ordert einen Wagen. Hoffentlich kommt nicht der Fahrer, in dessen Auto in der Nacht alles begonnen hat, denkt die 24 Jahre alte junge Frau. Gott, was würde sie nur für eine Aspirin und einen Isodrink geben, um mit diesem Mordskater fertig werden zu können. Warum hält die Polizei so etwas nicht parat in ihren Ausnüchterungszellen?, denkt sie.

Dann wird ihr bewusst, dass sie in dem Katzenkostüm vor dem Polizeipräsidium unfreiwillig komisch wirken muss. Es ist kurz vor 13 Uhr. Immerhin ist ihr Gesicht nicht mehr wie das einer Mieze geschminkt. Sie schaut sich um. Vor ihr liegt eine schlichte Grünfläche mit einem künstlich angelegten Miniteich und Pflanzen sowie ein Denkmal, das wohl eine Art Pferd mit einem abstürzenden Ritter darstellen soll. Einige Bänke, dazu mehrere Wege, wovon zwei zum Parkplatz führen. Ihr dämmert, dass das Taxi nicht bis an den Haupteingang des Präsidiums fahren kann, daher geht sie die wenigen Meter bis zum Parkplatz hinüber.

Warum hat dieses Flittchen Rolf bloß auf der Karnevalssitzung abgebaggert, denkt Jenny. Während ihr Freund sich mit dem Mädchen an einem Tresen am Rande des Saales unterhielt und alles wie ein Flirt wirkte, füllte sie sich frustriert mit Cocktails ab. Sie musste sich deswegen später auf der Toilette übergeben. Rolf flirtete einfach weiter, bis die Andere sich verdrückte. Danach suchte Rolf nach ihr und als er sie fand sagte er, dass er sie nun mit einem Taxi nach Hause bringen werde. Übel betrunken sei sie, ergänzte er noch.

Ihr war das egal gewesen, sie wollte mit ihm Sex haben. Am liebsten noch auf der Toilette oder im Auto. Aber Rolf winkte ab, holte ihre Sachen vom Tresen und bugsierte sie in das Taxi. Noch bevor er dem Fahrer sagen konnte, wohin sie wollten, nestelte Jenny an seinem Schritt herum. Rolf schob ihre Hände immer wieder von sich, schließlich fuhr der Wagen los. Jenny war völlig auf Rolfs Unterleib fixiert und hatte gar nicht mitbekommen, dass er dem Fahrer ihre Adresse genannt hatte.

„Schatz, lass das“, fuhr Rolf Jenny an. Sie fummelte weiter an seinem Hosenlatz herum und lallte: „Stell dich nich’ so an, du willst es doch auch!“ Sie kicherte, griff zu und versuchte, Rolfs Hoden und Glied zu massieren. „Was meinst du, was das für Kinder werden. Du als Panzerknacker – und ich als Miezekatze,“ scherzte sie. Er schlug ihr die Hände weg. Sie ohrfeigte ihn reflexartig. „Hey, was hältst du davon?“, rief sie zum Fahrer. „Mein Männe ziert sich wie ein Milchbübchen, lässt mich nicht an unser bestes Stück ’ran.“ Rolf war es peinlich. „Es reicht jetzt“, herrschte er sie an, und: „Reiß dich zusammen!“

„Was bist du nur für ein Spießer“, feixte sie. „Sie sollten uns mal vögeln sehen und hören. Dirty Talk ohne Ende, erzählt mir immer von Szenen aus Pornofilmen, in denen ich drinne vorkomme, nennt mich Schlampe und benutzt böse Begriffe für meine Mumu, wenn wir zugange sind. Und nun ziert der sich wie ein Pickelträger“, lallte Jenny in Richtung des peinlich berührten Taxifahrers. Dann stoppte der Wagen und sie dachte, der Mann würde sie beide rauswerfen wollen. Aber als sie aus dem Fenster sah, erkannte sie, dass sie vor ihrem Zuhause standen. Sie grinste Rolf an: „Im Aufzug wird sofort losgelegt, Bursche!“

„Schlaf deinen Rausch aus“, erwiderte Rolf. „Und ruf mich morgen an, wenn du wieder klar bist!“ Jenny sah ihn erbost an. „Du kommst mit, Sportsfreund. Ich will jetzt meinen Spaß haben!“ Er winkte ab. „Ich fahre nach Hause. Du bist rotzbesoffen, das gibt nur wieder Ärger.“ Sie langte ihm eine. „Du mieses Schwein! Willst nur zurückfahren und diese Schlampe vögeln!“ Er schüttelte den Kopf. „Jenny, bitte… Du hast eben erbrochen.“ Sie lachte überheblich, dann sah sie zum Fahrer und rief: „Wenn ich’s ihm sonst mit dem Mund mache, ist ihm das auch egal. Der Schuft will zur anderen. Das Dreckschwein!“

Der Fahrer wusste sich nicht anders zu helfen und fuhr wieder los. Auf dem Rücksitz tobte nun ein erbitterter Streit. Der junge Mann tat ihm leid. Die Frau schimpfe unflätig, warf ihrem Freund immer wieder vor, dass er nur zu der anderen wollte. Dazwischen rief sie: „Wo fahren wir denn hin?“ Er aber fuhr wortlos weiter. Es war noch nicht so stark eskaliert, dass er ein Notsignal absetzen musste. Aber falls in seinem Wagen wieder Ruhe einkehren sollte, dann wohl nur mit Hilfe der Polizei.

Kurz darauf stand das Taxi auf dem Parkplatz am Polizeipräsidium. „In einer Zelle haben wir auch noch nie!“, hörte der Fahrer sie belustigt und voller Häme ausrufen und losprusten. Er stieg aus, betätigte die Zentralverriegelung und ging zum Haupteingang des Betonklotzes. Nachdem er dem Portier sein Problem geschildert hatte, rief dieser zwei Polizisten herbei, die ihm zum Taxi folgten. Schon von weitem hörten die Beamten, wie sich das Paar im Wagen stritt.

Als Jenny den Fahrer wieder am Auto sah, fing sie an mit ihren Händen wild gegen die Scheiben zu hämmern. „Lass uns raus, du schwuler Kanake! Sonst ruf’ ich die Bullen! Dann kannst du was erleben, du Homo! Das ist Freiheitsberaubung!“ Dann traten die beiden Polizisten aus der Dunkelheit hervor. Einer sagte: „Die sind schon da, Gnädigste.“ Der andere ergänzte: „Nun mal ganz sachte. Und wo liegt eigentlich das Problem?“ Der Taxifahrer betätigte die Zentralverriegelung und das Problem stieg aus, während Rolf im Wagen sitzen blieb.

„Der Arsch will eine andere vögeln“, krakeelte Jenny. „Schaut mich an! Erstklassige Figur! Was will mein Luschi da bei einer andern! Hat er das denn nötig?“ Ein Streifenwagen kam vom Außendienst zurück und hielt direkt neben dem Taxi. Die Seitenscheiben an dem Wagen öffneten sich und drei weitere Polizisten beobachteten das Spektakel. „Ihr hättet dieses Dreckflittchen mal sehen sollen. Aufgetakelt wie eine billige Kirmesnutte, als liegt sie nach einem Fingerschnipp auf dem Rücken und lässt dann jeden ’rein in ihre Punze“, schimpfte Jenny.

Dann lief die junge Frau um den Wagen herum und trat gegen die hintere Türe auf der Fahrerseite. Rolf zuckte zusammen, rutsche über die Rückbank zur Beifahrerseite und verließ den Wagen fluchtartig. Jenny wollte ihm nachsetzten, umrundete das Heck des Wagens und schlug wütend auf die Kofferraumklappe ein. „Da rennt der Schlappschwanz. Alter, bist du wirklich das kleine perverse Ferkel, das mir schmutzige Sachen ins Ohr flüstert beim alten Rein-Raus-Spiel?“

Sie wollte auf Rolf losgehen, aber die beiden Beamten stoppten sie. Während er weiter zum Eingang des Polizeipräsidiums floh und der Pförtner ihn einließ, erinnerte sich Jenny wieder daran, dass sie bis vor einem Jahr noch eifrig Kickboxen trainiert hatte. Sie wand sich aus dem Griff der Polizisten und schlug einem der beiden ihre Faust in den Unterleib. Den anderen versuchte sie mit einem Sidekick flach zu legen, verlor aber angesichts ihres Alkoholpegels das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.

Die drei Streifenbeamten hatten längt ihren Wagen verlassen, schließlich waren alle fünf Polizisten über ihr. Sie trat und schlug um sich, versuchte einen der Männer im Gesicht zu kratzen, gab sich dann aber der Übermacht geschlagen. Wenig später sah sie, wie Rolf das Präsidium in Richtung des Taxis wieder verließ, während das Quintett sie unsanft durch eine Nebentür in Richtung des Zellentraktes bugsierte. Rolf sah sie entsetzt an. Sie schnaubte vor Wut und rief nur ein Wort: „Schwuchtel!“

Als sie ihre Wohnung betritt, ist sie allein. Alles sieht so aus, wie sie es verlassen hat. Rolf, denkt Jenny, ist also nicht nachtragend. Hätte er ihr eine solche Szene geliefert, so wie sie ihm gestern, dann hätte sie ihm sofort danach die Wohnung gekramt. Sie grinst, spült in der Küche mit einem großen Schluck aus der Halbliterflasche eines isotonischen Sportdrinks eine Aspirin runter. Im Bett kann er ein kleines perverses Schwein sein, denkt sie, sonst aber ist er ein Waschlappen.

Sie hätte sich fast gewünscht, dass er zumindest in dieser Nacht einmal aus sich rausgegangen wäre und ihr einen Stuhl oder einen Tisch zertrümmert hätte. Wobei, denkt sie, der Tisch wäre eher schlecht, darauf haben wir immer so wild Liebe gemacht. Sie fingert ihr Mobiltelefon aus einer Innentasche des Katzenkostüms und wählt Rolfs Nummer erneut. Wieder nur die Mailbox. „Tut mir leid, Hasilein. Es tut mir wirklich sehr, sehr leid, ich weiß nicht, was mit mir los war, heute Nacht. Bitte ruf mich an, brauchst nicht zu den Bullen zu fahren, ich bin jetzt zu Hause. Hab’ mir ein Taxi genommen. Komm’ einfach vorbei!“

Jenny grinst. Scheiß auf den Kater, denkt sie und will sich ein Bad einlassen. Sie ist sich sicher, dass Rolf heute noch zu ihr kommen wird. Er würde mit ihr schimpfen, sich mächtig aufregen, ihr eine Szene nach der anderen machen. Und wenn er sich dann einigermaßen abgeregt hätte, würde sie sich an ihn ranmachen, sich erneut seiner Schwachstelle widmen – und alles würde wieder gut. Nach solchen Streitereien ist der Sex intensiver und wilder als sonst, denkt sie.

Und öffnet die Türe zum Bad. Der Geruch schlägt ihr mit voller Wucht entgegen. Er ist ekelerregend, angesichts ihres Katers beginnt sie zu würgen. Ihre Augen und Atemwege schmerzen, als würde sie ätzende Dämpfe einatmen. Scheiße, denkt Jenny, verdammte Scheiße. Die ganze Badewanne. Voll! Mit! Tierscheiße! Sie weicht zurück, sinkt im Hausflur zusammen. Erbricht zwischen ihren Knien den Isodrink und die halb aufgelöste Tablette auf die Fließen. In ihrem Kopf schmerzt und dröhnt es, als würde dort eine Panzerschlacht stattfinden.

(C) Michael Klarmann, Februar/März 2015 (Inspiration)

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