Im Feldgrau der Finsternis

Sie suchen ihn. In der Zeitung steht, dass Heiner eine Belohnung von 2.000 Euro zahlen würde für Hinweisgeber, die ihn denunzierten. Das ist es ihm also wert, ihn ausfindig zu machen! Es ist ein minimaler Bruchteil dessen, was sich Heiners Familie in den Tagen der Arisierung von den Juden ergaunert hat, denkt Peter angewidert.

Begonnen hat alles im Jahre 2013. Seitdem hat er mit einer Handspritze und Unkrautvernichtungsmitteln mehrmals Rüben- und Weizenfelder von Heiner besprüht und dessen Pflanzen vernichtet. Peter will Heiner damit an seinen Opa erinnern, einem zu Zeiten des Hitler-Unwesens führenden Nazi im Ort.

So, wie die Braunen damals Menschen mit Gift umgebracht haben, nutze ich Gift, um dem Enkel zu schaden, denkt Peter. Es ist ein Wink mit dem Zaunpfahl, aber Heiner versteht ihn nicht. Jedoch hätte Peter sich das denken können. Immerhin wollten alle nach Ende des Weltkrieges doch von gar nichts etwas gewusst haben. Daher sind sie also heute auch noch blind, die Zeichen zu deuten. Peter grinst überheblich.

In dem Zeitungsartikel wird ein Polizeisprecher zitiert, der von „einem ungewöhnlichen Fall von Vandalismus“ spricht. Gemeldet wird, dass ein Unbekannter seit 2013 wiederholt in der Nacht Felder eines Landwirts mit Herbiziden besprüht und „kontaminiert“ habe. Die Polizei vermutet, dass das Gift mit einer handlichen Druckspritze auf die betroffenen Parzellen versprüht wurde.

Da sich in den letzten Monaten die Fälle erneut gehäuft hätten, heißt es weiter in dem Presseartikel, sei die Polizei nun mit einem Fahndungsaufruf an die Öffentlichkeit gegangen. Das Motiv des Verursachers sei unbekannt. Inzwischen belaufe sich der Schaden auf mehrere 1.000 Euro, berichtet die Zeitung. Peter muss deswegen losprusten. Die Juden, denen man damals ihr Hab und Gut gestohlen hat, erlitten während der Arisierung einen viel größeren Schaden.

Heiner ist 32 Jahre alt; Peter 63, ehemaliges Mitglied des Gemeinderates für eine Wählerinitiative und weiterhin ehrenamtlich im Eifelverein sowie dem Seniorenbesuchsdienst der Kirche engagiert. Sein eigener Vater hat im Krieg gekämpft, war in Gefangenschaft gekommen und musste sich später im Nachbarort auf dem Grundstück seiner Familie mit den eigenen Händen und armseligen Werkzeugen ein Haus bauen.

Über den Krieg erzählte Vater zeitlebens wenig. Aber immer und immer wieder stritt er ab, dass er in den Kriegsjahren etwas über den Massenmord an den Juden mitbekommen hatte. Man habe erlebt, wie die Nazis die Juden zuerst vom Grund und Boden vertrieben und sie verprügelt sowie „abgeholt“ hätten, sie in Lager gekommen seien, gab Vater zwar immer zu.

Nie aber habe er während des Krieges davon erfahren, dass diese Lager Todesfabriken gewesen seien, ergänzte er dann immer. Ende 2012 war Vater im Alter von 86 Jahren an einer verschleppten Lungenentzündung gestorben. Und Peter weiß heute, dass er ihn nie angelogen hat über sein Nichtwissen. Er fand nämlich kurz nach dem Tod dessen Tagebücher aus dem Krieg, der Gefangenschaft und der Nachkriegszeit.

Darin las Peter im Dezember 2012 dann Sätze wie diesen: „Buchenwald, das große KZ-Lager wird von Amerikanern besetzt. In den nächsten Tagen ist die amerikanische Zeitung voller Meldungen von diesem Lager. Bilder, die wahr sein können, aber auch das Gegenteil ist möglich. Die Totenreihen können auch von Bombenangriffen da liegen. Aber, wer weiß die Wahrheit. Sogar manche Amis zweifeln an der Wahrheit der Bilder.“

Vater hat also nie gelogen, wenn er sagte, er habe bis 1945 von der Judenvernichtung nichts gewusst. Peter ging jedoch davon aus, dass die amerikanischen Wachsoldaten an dem Wahrheitsgehalt der Bilder zweifelten, weil sie es nicht für möglich hielten, dass Menschen zu diesem industriellen Massenmord fähig waren. Vater hatte diese Zweifel jedoch als zusätzliche Ausrede dafür genutzt, sich nicht eingestehen zu müssen, einem Verbrecherregime gedient zu haben.

Neben den insgesamt drei Tagebüchern fand Peter auch weitere Unterlagen, darunter die schmucklose Urkunde zur Verleihung des Eisernen Kreuzes 2. Klasse „im Namen des Führers“ im Oktober 1944. In einem der Tagebücher beschrieb Vater, datiert auf den 22. Mai 1945 auch, wie die Kriegsgefangenen in Zugwaggons in ein anderes Lager verlegt worden waren. Tage zuvor noch hatte ein „amerikanischer Spieß“ den Gefangenen erzählt, dass die Alliierten im zerstörten Deutschland allerorten „amerikanische Wehrmachtsküchen“ aufstellten, um die Zivilisten versorgen zu können.

Bei der Fahrt habe man aber weder solche „fahrenden Küchen für Rückwanderer“, noch überhaupt im Zuge des Wiederaufbaus „arbeitende amerikanische Soldaten“ gesehen, schrieb sein alter Herr – und ergänzte angesichts der früheren Worte des US-Gefangenenoffiziers: „Lüge!“ Peter fragte sich, als er das las, wie naiv Vater gewesen sein musste. Hatte er denn wirklich angenommen, dass die Alliierten rund fünfzehn Tage nach der Kapitulation direkt damit beginnen würden, zum Wohle ihrer Feinde die Trümmer weg zu räumen und das Land wieder aufzubauen?

Erstmals erfuhr Peter zudem durch das Lesen in den Papieren, dass sein Vater nicht nur eine Schwester und zwei Brüder gehabt hatte, sondern einen Stiefbruder, der im Krieg umgekommen war. In einem der handschriftlich geführten Notizbücher war auch die mit einer Schreibmaschine gefertigte Abschrift eines Briefes eingeheftet, durch den ein Vorgesetzter der Frau des Stiefbruders dessen Tod mitteilte.

Er, der Hauptmann, habe die „harte Pflicht“ ihr mitzuteilen, las Peter, dass der Gatte „auf dem Felde der Ehre geblieben ist. Er fiel in soldatischer Pflichterfüllung, getreu seinem Fahneneid für Führer und Vaterland.“ Leider müsse er dem „großen Schmerz“ der Witwe „noch mehr hinzufügen. Ihr Mann konnte nicht geborgen werden und fiel in Feindeshand. Es war uns nicht vergönnt, ihm ein schlichtes Soldatengrab zu bereiten.“

Peter konnte es nicht fassen, was er da lesen musste. Besonders das Ende des Briefes wirkte auf ihn wie die Verhöhnung der Witwe: „Mit der Hingabe seines hoffnungsfrohen Lebens hat Ihr Mann das größte Opfer gebracht, das ein Mensch bringen kann. Nicht Worte werden Ihren großen Schmerz lindern können, nur das Wissen, das Ihr Mann für die Sicherung und den Aufbau unseres großdeutschen Reiches sein Leben gab und dass er in der Kampfgemeinschaft der Kompanie unvergessen sein wird, wird ihn mildern können.“

Nachdem Peter das gelesen hatte, legte er die Unterlagen und Tagebücher wieder in ihre Schachtel zurück und war einige Tage lang nicht in der Lage, sich weiter damit zu beschäftigen. Ihn stieß diese NS-Heldenprosa ab. Dann aber kramte er die Bücher wieder hervor und las weiter, erfuhr davon, wie Vater nach seiner Kriegsgefangenschaft wieder seine Heimat, die Gegend im und rund um den Hürtgenwald, vorgefunden und beschrieben hatte:

„Viele Toten liegen teilweise beerdigt, teilweise unbeerdigt auf den Feldern oder in den Wäldern. Stumme Zeugen und Mahner. Da liegt Deutscher neben Amerikaner, im Leben erbitterte Feinde, im Tode fast beisammen. Die Toten zeigen uns, wie es sein soll, einer liebe den anderen. Viele Minenschilder und Minenbänder zeigen den verborgenen Tod an.“

Peter erfuhr weiter davon, wie Vater mit seinem eigenen Vater, seiner Mutter und seiner Schwester ein Haus baute. Zudem las er in den Tagebüchern, wie sein Erzeuger als Waldarbeiter für ein belgisches Unternehmen arbeitete. „Beginne als Holzfäller bei den Belgiern. So weit sind wir, dass wir für Ausländer arbeiten müssen. Verlorener Krieg, verlorenes Selbstbewusstsein, verlorener Nationalstolz“, hatte Vater 1946 vermerkt.

Und wenige Seiten später wurde es dann noch spannender. Vater schimpfte in seinen Aufzeichnungen nämlich mehrere Absätze lang über den Opa von Heiner und dessen Familie. Der damals noch junge Mann und Vater zweier Brüder und einer Schwester, allesamt in der HJ oder dem BDM organisiert, sei ein „Hitler-Mann ohne Gnaden“ gewesen. Er habe zwei seiner Geschwister im Ersten Weltkrieg verloren.

Als stellvertretender Kreisleiter der NSDAP und SA-Ortsgruppenführer habe der Mann im Zuge der Arisierung besonders gut „abgestaubt“. Er habe sich, so Vater, die Villa, den Hof sowie die Äcker, Waldgebiete, Wiesen und Felder eines ehemaligen jüdischen Viehhändlers und Großbauern „weggeschnappt“. Der Jude sei ein hoch dekorierter Veteran aus dem Ersten Weltkrieg gewesen, ein deutschnationaler Patriot.

Wegen seiner Kriegsverdienste seien der Jude und dessen Familie in der „Reichskristallnacht“ 1938 im Ort nicht von den Nazis angegriffen worden. Als bald darauf aber die Arisierung einsetzte, sei die „Schonfrist“ vorbei gewesen. Vater erboste sich in den Aufzeichnungen besonders darüber, dass Heiners heutiger Großvater als hoher Parteikader und mächtig gewordener Landwirt erst eine Waffe in die Hand nehmen musste, als die Alliierten schon vor dem Ort Stellung bezogen hatten.

Der „feige Hitler-Lump“ habe allerdings kampflos mit den anderen Volkssturm-Leuten die weiße Flagge gehisst, während Ehefrau und Kinder sich schon seit über einem Jahr dank „Mutter-und-Kind-Verschickung“ im „luftsicheren Gebiet“ in Bayern aufhielten. Im Zuge der Entnazifizierung sei es ihm dann dank einer „Juden-ähnlichen Hinterlist“ gelungen, sich rein zu waschen. Nun wusste Peter also, woher der Reichtum der Familie stammte.

Der Vollmond steht hoch über dem Feld und den angrenzenden Wäldern. Drei Tage erst ist es her, dass der Artikel in der Zeitung gestanden hat. Peter wollte sich Zeit lassen, besitzt aber nur noch einen kleinen Vorrat an Pflanzengift. Nun steht auf einem Feld, in seiner Linken den Griff der Handspritze führt er das Glasfaserrohr mit der Düse rund fünfzig Zentimeter über den Boden.

Über die rechte Schulter hängt an einem Gurt der sieben Liter fassende Druckbehälter des Werkzeugs, das ihn fast 150 Euro gekostet hat. Peter trägt eine einteilige Regenkombi, wie sie Rad- oder Motorradfahrer tragen, dazu Gummistiefel und den gerade erst angelegten Mundschutz. Es ist Anfang März, tagsüber steigen die Temperaturen schon auf über 10 Grad Celsius an, doch in der Nacht kommt es noch zu Bodenfrost.

Peter ist wie immer mit seinem Wohnmobil auf einen an die Felder angrenzenden Parkplatz gefahren, hat sich umgezogen und den Rest der Strecke mit dem Mountainbike zurückgelegt. Fiel ihm das Radfahren im Gelände 2013 noch leicht, muss er sich nun, zwei Jahre später, immer mehr eingestehen, wie mühselig es für ihn doch geworden ist.

Das Rad hat er auf einem angrenzenden Feldweg abgelegt. Er setzt die Druckspritze wieder in Gang und der Sprühstrahl benetzt die im Oktober gesäten Jungpflanzen des Winterweizens mit den Herbiziden. Der Vollmond leuchtet Peter voran. Er weiß, wann genau er sein Werk vollbringen muss. Sind die Pflanzen noch jung, sterben sie ab. Doch würde er noch ein paar Wochen warten, würde der Unkrautvernichter ihnen weniger zusetzen.

Er ist sich dank seiner Kalkulationen sicher, wie groß die Fläche sein darf, die er mit den sieben Litern Pflanzengift besprühen kann. Je größer die Pflanzen sind, umso weniger Quadratmeter könnte er kontaminieren, um sie zu vernichten. Sind die Pflanzen klein wie Setzlinge, reicht eine relativ geringe Menge des Gifts völlig aus.

Das Volumen des Tanks ist überdies auf sieben Liter begrenzt und auf dem Mountainbike kann er kaum mehr transportieren. Freilich sind seine Vorräte derzeit stark dezimiert, er musste also in dieser Nacht erneut losschlagen. Die verletzlichen Jungpflanzen erfordern es genau jetzt, auch wenn ihm bewusst ist, welches Risiko er eingeht – kurz vor dem Ende seines diesjährigen Feldzuges gegen Heiners Winterweizen.

Den Schuss hört Peter nicht mehr. Der Scharfschütze, der ihm mittels eines Nachtsicht-Vorsatzgerätes an seinem Zielfernrohr aufgelauert hat, grinst. Wie immer war mit seinem Präzisionsgewehr nur ein gezielter Kopfschuss nötigt – und weil der Vollmond dem ehemaligen Elitesoldaten der Bundeswehr das Ziel wie auf dem Präsentierteller ausgeleuchtet hat, hätte er auch ohne Sichthilfe zielgenau feuern können.

Heiner packt seine Ausrüstung zusammen und atmet erleichtert auf. Wahrscheinlich würde ihm die Polizei in wenigen Stunden mitteilen, wessen Leiche sie gefunden hat. Kurz darauf tritt er durch das Dickicht den Rückzug zum Hof an. Er hofft, dass der Unbekannte Notizen oder ähnliches hinterlassen hat. Wie sonst sollte Heiner auch mehr über dessen Motiv erfahren…

(C) Michael Klarmann, März 2015, basierend teilweise auf authentischen Schriftstücken aus den Jahren 1943 bis 1946 (Inspiration)

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