Das Beichtgeheimnis

„Vater, ich habe gesündigt!“ Er erkannte durch das engmaschige Gitter hindurch, wie ihn der Geistliche aus der anderen Hälfte des Beichtstuhles heraus fordernd ansah. „Nun, mein Sohn, sprich!“ Und er erklärte es: Wie sie mit treuen Anhängern des Vereins in der Wüstenei unterwegs waren, ihre Vereinsfarben stolz und für jeden gut sichtbar am Leibe trugen, sie zugleich verteidigen mussten, diesem Bauern seinen Unglauben auszutreiben gedachten und ihm die Insignien des Frevels abnahmen, den Schal später den reinigen Flammen des Feuers übergaben…

„Mein Sohn“, sagte der Priester – und wieder sah er dessen Augen durch die schwach blickdurchlässige Trennwand. Diesmal blickte er jedoch nicht fordernd, diesmal schienen ihm die Tränen zu kommen. Und er war tief beeindruckt, als er den Mann Gottes mit Tränen in den Augen sagen hörte: „Das war keine Sünde! Wie sollte man sündigen, wenn es gegen die Fohlen geht! Sünder sind diese Falschfarbigen, es sind arg Fehlgeleitete, ihr Glauben mag fest sein, doch sie sind des Teufels. In Wahrheit sind es vom wahren Glauben abgefallene Philister. Denn es gibt nur einen Fußballgott, und dessen Güte gehört alleinselig uns!“

Dann beugte sich der Priester vor und flüsterte: „Beschreib es mir genau, wie es geschehen ist.“ Und dann erzählte er es ihm, gefiel sich fast in seiner Rolle als Berichterstatter über jenen kleinen Glaubenskrieg. Sie seien zu viert gewesen, erläuterte er dem Geistlichen. Am späten Nachmittag, die Abenddämmerung habe schon eingesetzt, hätten sie in Geilenkirchen am Bahnhof diesen Frevler erblicken müssen. In ihrem Revier habe sich dieser erdreistet, die Fohlenfarben durch die Gemeinde zu tragen. Eine Gotteslästerung!

Sie hätten ihn zur Rede gestellt. Das Milchbübchen habe sich herausgeredet, dass er ein Spiel der Borussia besucht habe und nun auf dem Heimweg nach Gangelt sei. Das habe sie erbost. Sie hätten ihm erklärt, sagte er dem Priester, dass sie zwar tolerant seien, ihm seinen Glauben wahrlich gönnten, wenn er ihn denn nur heimlich auslebe im Reiche der Alemannia. Hätte er den Schal an den Stadtgrenzen der Bauern sofort ausgezogen und reumütig in seinem Tornister verschwinden lassen, so wäre doch alles gut gewesen. Aber die Farben hier offen vorzuführen, dass sei eine Blasphemie, sagte er. Der Priester kicherte.

„Er wollte fliehen, aber wir holten ihn ein und packten den Schal und für einen Moment zog sich dieser zu und er bekam kaum mehr Luft“, berichtete er dem Geistlichen weiter. „Dann warfen wir ihn gegen eine Mauer, pressten ihn an die Wand und rissen ihn schließlich zu Boden. Wir traten auf ihn ein, dann kniete sich einer von uns auf seinen schmächtigen Brustkorb und ich nahm den Schal an mich. Ihr hättet ihn wimmern sehen müssen!“ Der Priester hatte immer noch Tränen in den Augen, offenkundig Freudentränen. „Doch dann kamen andere Leute hinzu. Wir flohen und verbrannten den Schal später.“

„Bruder“, sagte der Priester nach einer kurzen Pause der Stille und Andacht, „der Herr wäre stolz auf euch. Da bin ich mir ganz und gar sicher. Ihr habt zum Verein und zum wahren Glauben auch dann noch gestanden, als er immer wieder in arge Geldnöte geriet, man den heiligen Tivoli an Agnostiker, nur rational denken könnende Finanzverwalter verpfänden wollte, wir unsere Spiele gar nach Jülich zu verlegen gedachten, weil die Stadtväter und Bürokraten vom wahren Glauben abzufallen drohten wie armselige Maden, die unser aller Unglück sind.“

Der Geistliche legte eine kurze Pause ein. „Wer könnte euch also zürnen für eure Tat?“ Es war keine wirkliche Frage, die Antwort steckte schon in ihr: Niemand! Außer die Fohlen. „Heiliger Horst“, sprach der Priester weiter, „Vater der großen Rettung, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unserer Wiederkehr!“ Doch dann änderte sich die Stimmlage. „Du,“ fuhr der Glaubensmann fort und die Augen funkelten plötzlich bösartig, fast so wie bei einer Bestie in einem Horrorfilm, „hast dennoch schwere Schuld auf dich geladen, Bruder!“ Er sah, wie der Mann sein Haupt neigte und für einen Moment wie in ein Gebet versunken wirkte.

Dann hob er den Kopf wieder und sah ihn direkt an. „Nun, es waren keine unkeuschen Gedanken, du hast keinen anderen Verein begehrt. Aber gesündigt hast du in den letzten Tagen und soeben mit deiner Beichte. Nicht durch die Tat, Bruder, nein, durch die Tat keineswegs. Aber dadurch, dass du falsch gebeichtet hast!“ Für einen Moment verstand er nicht, was die Worte des Priesters bedeuten sollten. „Du hast gemeint, eine Sünde beichten zu müssen, dabei war es eine Heldentat!“

Nun begriff er. „So gehe also hinfort, und wenn du in deinem Heime angekommen bist, dann knie nieder vor deinem schwarz-gelben Zimmeraltar und spreche in andächtiger Frömmigkeit drei ‚You Never Walk Alleng‘. Der Herr wird dir deine Sünde vergeben.“ Stille trat ein. Ihm dämmerte, dass die Sitzung im Beichtstuhl zu Ende war. Er bekreuzigte sich, sagte: „Danke, Vater!“ Dieser nickte ihm durch das engmaschigen Gitterwerk zu und flüsterte: „Und grüße er mir die Sportkameraden. Ihr habt dem Fußballgott einen vom reinen Herzen kommenden, großen Dienst erwiesen. Gehet hin in Frieden!“

(C) Michael Klarmann, März 2015 (Inspiration)

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