Seine Exzellenz

Das letzte, was er sah, war das Mündungsfeuer. Dann platzte ihm der Schädel. Er hatte sie das Schießen gelehrt, mit Beginn der Pubertät. Und sie war eine gute Schülerin gewesen. Man musste sich verteidigen können, wenn das Unheil sich einem in den Weg stellte.

Sie sah, wie sein Kopf in einer rötlich-gelben Fontäne zerbarst. Überall Blut, Gehirn, Knochen. An die Wand hatte sie ein abstraktes Gemälde rund um das Kruzifix gezaubert. Sie hatte das Leidensbild des Herrn nicht beschmutzen wollen, aber ihr Vater war einfach nicht beiseite getreten.

Der Herrgott hatte sie alle gestraft, weil er eine schlimme Sünde begangen hatte. Gabriel war auf dem Spielplatz von der Schaukel gefallen und hatte sich schwer am Kopf verletzt. Sie besaß kein Handy, solche Dinge waren ihr nicht geheuer. Eine andere Frau rief mit ihrem Mobiltelefon die Ambulanz.

Auf dem Weg ins Hospital versperrte der Transporter eines Paketfahrers die beengte Fahrbahn. Der Krankenwagen musste stoppen, Minuten verstrichen, weil der Fahrer unauffindbar war. Ihr Kind hätte ohne diesen unfreiwilligen Stopp eine Chance gehabt. Doch nun war es für hirntot erklärt worden.

Vater trug die Schuld. Er hatte im Alter von 71 Jahren gesündigt und Gott hatte ihrer Familie gezürnt. Der Herr war zugleich sehr geduldig gewesen. Vaters Untat lag länger zurück, als Gabriels Geburt vor fünf Jahren. Gott vergaß nicht.

Damals war Vater Brötchen holen gewesen. Ein Krankenwagen versperrte ihm und seiner Geländelimousine den Weg. Er hupte, war in Eile. Schlug gegen den Wagen und drohte den Menschen darin Gewalt an. Die Sanitäter versorgten einen dehydrierten Greis, legten ihm mit ruhiger Hand eine Infusion.

Gut zehn Minuten später machten sie den Weg frei, kurz bevor sie selbst losfahren wollten. Vater raste mit quietschenden Reifen vorbei. Dreihundert Meter weiter war die Bäckerei. Er stellte seinen Wagen quer. Sie schalteten das Blaulicht und die Sirene ein, mussten mit ihrem Notfall ins Krankenhaus. Vater lachte sie aus.

Sie, rief er ihnen feixend zu, hätten ihn warten lassen, ihn, einen der wichtigsten Männer im Ort. Jeder kannte ihn, jeder erwies ihm den nötigen Respekt. Nun müssten eben sie warten, schimpfte er. Ihm fehle die Zeit, den Wagen umzusetzen, sie hätten ihm diese Kostbarkeit zuvor doch auch gestohlen…

Dann ging er Brötchen kaufen. Dazu ein Rollkuchen für ihre Mutter. Und sie? Sie rief ihn Tage später an, als sie von dem Vorfall in der Zeitung gelesen hatte. Ja, sagte er, das sei er gewesen. Er habe so handeln müssen, alles verlottere, Unsitten verlangten das Erteilen von Lektionen.

Sie erinnerte sich bei dem Telefonat immer wieder daran, dass manche Menschen im Ort ihn heimlich in einer Mischung aus Hoch- und Verachtung „seine Exzellenz“ nannten. Nachdem sie auflegte, begann sie umgehend für seine verlorene Seele zu beten. Und das tagelang.

Das jedoch würde sie nun nicht mehr. Nachdem Gott ihr aufgetragen hatte, was zu tun sei. Sie bat den Herrn, ihrem Mann beizustehen und war sich gewiss, dass sie nicht sündigte. Weil Er es ihr aufgetragen hatte. Dann drückte sie ein weiteres Mal ab.

(C) Michael Klarmann, März 2016 (Inspiration)

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