Im tiefen Schacht des nächtlichen Cinématographen

Ich träumte von meiner verstorbenen Mutter. In dem Traum lebte sie noch, und zwar allein in ihrem Haus, das unsere Familie doch längst schon verkauft hat. Sie hatte in diesem Traum ein Verhältnis mit Konrad Adam von der AfD, und ab und an kam er zu Besuch, meist dann, wenn er auf seinen Wahlkampf- und Vortragsreisen in der Nähe war. Mutter, ein alt und bitter gewordenes BDM-Mädel mit einem weiterhin gültigen Hass auf Polen und Juden, diskutierte nie mit ihm über Politik. Sie nickte aber oft, wenn er dozierte. In dem Traum.

Das mit den Beiden erinnerte an die wahre Liebe. Sie war rund fünfzehn Jahre älter als ihr Lover. Ich hingegen stritt ausschweifend mit dem Mann, wenn er mit seinem Rollkoffer angekommen war oder gerade abreisen wollte und wir am Küchentisch saßen, die Sonne durch das Fenster fiel. Und es um den Islam und die Asylanten ging. Mutter und Herr Konrad, wie ich Adam in dem Traum gelegentlich nannte, trugen irgendwie eine ähnliche Frisur. Die Titanic Boygroup hatte solche Haartrachten einst entdeckt bei den Groupies der Band Flippers. Und die Frisuren als Silberzwiebeln beschrieben.

Spannend blieb die Frage, warum ich diesen Traum, anders als andere, nach dem Erwachen sofort wieder vergessen hatte, er mir aber am darauffolgenden Tage plötzlich und schockauslösend wieder allgegenwärtig wurde. Ich stand in der Küche, briet Kartoffelecken und Hühnchenfleisch, hatte zuvor Sport getrieben und meinen Eiweißshake gerade erst verdaut. Und dann war alles wieder da. Vor Schreck fiel mir der Wender aus der Hand. Ein Alptraum, den ich vergessen hatte, und der mich nun jäh einholte. Eine Drone, abgefeuert irgendwo in hundert Kilometern Entfernung, ferngesteuert aus einem Kommandostand am anderen Ende der Welt. Und trotzdem saß das Biest zielgenau.

Ich träumte von einem Überfall. Es ging um eine Gaststätte, die von einem Freund betrieben wurde. Ich arbeitete dort gelegentlich. Eines Nachts, als das Lokal schon geschlossen war, ich die Stühle hochgestellt hatte und den Fußboden wischte, trat man die Türe ein. Blitzschnell stürmten vermummte oder maskierte, dunkel gekleidete Personen hinein. Sie begannen routiniert damit, das Mobiliar und die Einrichtung zu zertrümmern. Überall krachte und splitterte es. Einige Angreifer räumten die Bar ab, einer warf einen der Hocker in den Flachbildschirm der an der Wand hing und auf dem wir immer Sportübertragungen schauten.

Mehrere der Vermummten stürmten hinter den Tresen, räumten die Flaschen aus den verspiegelten Regalen. Sie bewarfen damit ihre Kollegen, die weiter Tische und Stühle zerschlagen wollten. Das schien mir absurd. Noch absurder wurde es, als diese nach den Flaschen schnappten und sie wieder zurück warfen. Es erinnerte plötzlich an eine Saloonschlägerei im Wilden Westen, oder an eine eher ungewöhnliche Schneeballschlacht zwischen kriminellen Schutzgelderpressern. Maskierte und Vermummte mit Schnaps- und Weinflaschen als Bällen, angemerkt.

Einige der Duellanten sackten getroffen zu Boden, andere jubelten, wurden selbst getroffen, wischten sich Blut, Schweiß, Tränen und Glassplitter aus dem Gesicht. Und warfen abermals mit Flaschen um sich. Wer tödlich getroffen zu Boden ging, verschwand plötzlich aus meinem Blickfeld, ähnlich eines abgeknallten Leibes in einem Ballerspiel. Getroffene Gegner, die in solchen Spielen bluttriefend zu Boden gleiten, werden zu Leichen. Aber der Sauberkeit wegen verpuffen deren Abbilder kurz darauf ins Pixelnirvana. Ich sah hier genau dasselbe.

Ich träumte davon, mit offenem Mund inmitten dieses Chaos zu verharren. Regungslos, wie auf einem in Teilen eingefrorenen Bildschirm, während die übrige Szenerie um mich herum weiter existierte. Plötzlich aber stürmte einer der Männer auf mich zu, trat mit seinem schwerem Schuhwerk den Wischeimer weg. Und prügelte mich mit geschickt eingeübten, blitzschnell ausgeführten Fausthieben binnen weniger Minuten blutig wie ein rohes Steak. Ich nannte ihn: Dampfhammerwilli.

Doch als ich seinen Namen laut ausrufen und ihn anflehen wollte, von mir abzulassen, spuckte ich nur Blut und Zähne aus meinem Mund. Was sich wie Dampfhammerwilli hätte anhören sollen, wurde zu einem Gurgeln als sei die Klospülung defekt. Trotzdem ließ er von mir ab, trat einige Schritte zurück. Durch den blutroten Schleier auf meinen Pupillen sah ich ihn wie durch eine getönte Sonnenbrille. Dann nahm er die Sturmhaube ab. Er war ich.

Das mit Blut vollgesogene Shirt klebte mir am Leib. Dachte ich. Als ich hochschreckte. Irgendwo, zwischen Traum und Wirklichkeit, der Verwirrung näher als dem klaren Gedankengang im Tunnelblick, der sich vor mir ausstreckte wie ein müder Hund. Dann merkte ich, dass es nur mein Schweiß war, der den Stoff wie Sekundenkleber an meiner Haut festgetackert hatte. Kein Blut also.

Ich versuchte zu atmen, aber es fiel mir schwer. Ich spitzte die Lippen, sog Luft ein wie durch einen Strohhalm. Atmete wieder aus, als würde ich beim Lungentest in eines jener absolut nicht zu einem Mund passen wollenden Rohr hauchen. Langsam dämmerte mir, wo ich war: Bett! Klatschnass, atemlos in der, nicht durch die Nacht. Draußen begann es zu dämmern und ich lag da, in einem Shirt und einem Laken, klatschnass, als sei ein Wasserbett undicht geworden oder als habe ein Alkoholiker seine Blase nicht mehr kontrollieren können.

Mir war so, als schmerzte mir jeder Knochen, jede Faser meines Körpers, jeder Muskel. Einbildung? Hatte ich Fieber? Oder hatte ich mich, während ich träumte, so sehr verdreht und verkrampft, mir also durch meine unnatürliche Haltung mein Leid selbst zugefügt? Zerstreuung suchend schaltete ich das Radio ein. Ausgestrahlt wurde die Wiederholung eines Streitgespräches vom frühen Abend, zu dem ich vor einigen Stunden noch eingeschlafen war. Es sprach zum Volke: Herr Konrad.

Ich träumte von meiner ehemaligen Schwiegermutter. Ihren Marotten hatte ich mich nur durch Scheidung von meiner nunmehr Ex-Gattin entziehen können. In meinem Traum waren wir schon seit Jahren getrennt, aber Schwiegermutter schwebte immer noch über allem, wie ein Drache. Sie litt unter erheblichen psychischen Auffälligkeiten, jahrelang hatte sie darin investiert, Zinsen wurden mit Zinsen vergolten. Highscore-Tabellen auf dem Datenblatt der Therapieversuche hatte sie sich gutschreiben lassen, viel mehr, als es mir selbst trotz großer Mühen möglich gewesen wäre.

Sie hatte darauf beharrt, dass ich ihr jede neue Frau in meinem Leben oder in meinen Träumen vorzustellen hätte. Angeblich dienten jene Eignungsprüfungen dazu, um ihrer Tochter unangenehme Nachfolgerinnen zu ersparen, die ihr in ihrer Trauer um den Verlust weiteres Leid zufügen würden. Dabei war meiner Ex völlig egal was ich trieb, wünschte sie mir doch schlicht nichts geringeres als mindestens eine solide Querschnittslähmung an den Hals. Nur ihre Mutter bildete sich weiter ein, so viel Macht über uns zu besitzen, dass sie über uns beide verfügen konnte und Entscheidungen treffen musste, weil wir selbst lebensunfähig seien. Das dachte sie in meinen Träumen.

In einem davon, eben gerade nun tobte er sich aus, hat Schwiegermutter a.D. ein Verhältnis mit Günther Grass, der aber auch Heinrich Böll hätte sein können. Sie schrieben sich regelmäßig Liebesbriefe und tauschten sich in diesen Schreiben auch über allgemeine politische und gesellschaftliche Themen aus. Wenn Grass oder Böll oder wer auch immer zwecks Lesereise in der Gegend war, dann trafen sie sich in Hotelzimmern und machten Sex. Sie machten ihn, dachte ich, ohne zu wissen ob sie ihn auch hatten.

Mit den Briefen als Vorlage schrieb der Herr Lover in meinem Traum alsbald eine Kurzgeschichte über eine psychisch kranke Frau, die schwer erziehbare Schwiegersöhne in einem Männerhilfeverein betreute und ihnen dabei von den eigenen Psychopharmaka ins Essen mischte. Grass oder Böll oder wer auch immer…so wie alle Schreiber war er ein Schmarotzertierchen. Er weidete Schwiegermutter, die Briefe, das Leben meiner Ex und meine Träume aus wie ein frisch erlegtes Reh. Bereicherung auf Kosten Dritter, also.

In meinem Traum war dieser Autor ein Resteverwalter. Er selbst sicherte sich durch seinen Ruhm nicht nur Reichtum, sondern ebenso Sex mit psychisch labilen Frauen, er raubte ihnen die Gedanken, Erinnerungen. Und schuf daraus Bestseller, die es ihm dann wieder ermöglichten, neue Frauen für sich zu gewinnen. Eigentlich sah Grass oder Böll oder wer auch immer aber nicht so aus wie einer der Drei, sondern wie jemand Anderer, dessen Namen mir aber nach dem Aufwachen immer entfiel. Marcel Reich-Ranicki war es jedenfalls nicht, wobei ich am Ende eines Traumes einmal meinte seinen Todesschrei zu hören, weil ihn der Andere kaltblütig gekillt hatte.

Ich wachte davon auf, dass ich träumte, ich würde irgendwann aufhören können zu träumen. Um nach Jahren im tiefen Schacht des nächtlichen Cinématographen endlich einmal durchschlafen zu können. Ich.

(C) Michael Klarmann, April 2016 (Inspiration)

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