Erlebnisorientiertes Kunsthandwerk

„Zecken sind Schweine, Zeckenschweine!“ Rudi grinst voller Stolz. Er hat sogar einen Graffiti-Kurs in der VHS besucht, der Spruch wirkt anmutig und kunstvoll, geschwungene Buchstaben, Hieroglyphen der Neuzeit. Niemand könnte ihm vorwerfen, keine Begabung für das Sprayen zu haben.

Georg steht Schmiere, bloß nicht von einer Streife erwischen lassen. Erst letzte Woche hat das benachbarte Hostel die Außenmauern des unter jener Bettenburg gelegenen Autonomen Zentrums neu streichen lassen. Aber nun sind Rudi und Georg wieder da, furchtlos. Obschon sie wissen, dass wegen der seit Monaten andauernden Serie von Schmierereien das AZ auf Wunsch des Hostelbetreibers verstärkt bestreift wird.

Rudi sprüht einen Sheriffstern neben die Parole. Denk bloß immer daran, nur die Außenlinien und an jeder Ecke des Sterns Punkte zu sprühen, hat Georg ihm zuvor wieder und wieder eingebläut. Sonst sieht es aus wie ein Davidstern, also wie ein Judenstern. Und dann wirft man uns vor, die Linken markieren zu wollen. So, wie die Nazis einst Menschen kennzeichneten.

Also, hat Georg immer gewarnt: Nur einen gut erkennbaren Sheriffstern! Und bloß keinen gelben Lack! Rudi hatte wochenlang in seinem Hobbykeller geübt, bevor er zum ersten Mal seinen Sheriffstern auf eine der Außenwände setzte. Damals neben der Losung: „Zeckenbanden zerschlagen! Sport frei!“ Jedes A hatte er dabei mit einem Kreis verschönert – und dann diese Anarchie-Symbole mit einer anderen Sprühfarbe wieder durchgestrichen.

Rudi tritt einen Schritt zurück, begutachtet seine neue Sprayaktion, dann geht er zu der Metalltür. „Steinewerfer in die Produktion!“ ist alsbald dort zu lesen. Darunter setzt er noch den Spruch: „Wir kriegen Euch alle!“ Er muss grinsen. Dann hört er Georgs Pfiff. Dunkel gekleidet und die Kapuzen ihrer Hoodies tief ins Gesicht gezogen setzen sie sich in den Schatten ab, sehen den Streifenwagen langsam vorbeifahren.

Glück gehabt, denkt Rudi, und tritt langsam wieder vor. Er hört in einigen Metern Entfernung, wie Georg flucht und vor Schmerzen aufstöhnt. Hat sich wohl irgendwo gestoßen, denkt Rudi. Dann hört er das Zischen der Sprühdose. Er nähert sich dem Geräusch, sieht seinen Kollegen.

Als Rudi sich Georg nähert, ist dessen Parole fertig. Er hat nie einen Kurs belegt, hat immer schon plump gesprüht und sogar diesmal noch einen Buchstaben vergessen, den er in eben diesem Moment noch rasch sprayend zwischen zwei andere Buchstaben presst. „Feierabendstörer! Fickt Euch! Hurentöchter!“ Georg schaut ihn grinsend an. „Da werden die Emanzen sich mal schön aufregen“, lästert er.

Rudi schüttelt den Kopf. „Du Depp, du hast meine Parole halb übersprüht!“ Georg blickt ihn verwundert an. Dann sieht er wieder zum Mauerwerk und erkennt seinen Fehler. Er hat die ersten Buchstaben von „AZ aufs Maul! Never forget Team Green!“ übersprüht. Mit ebenjener Losung hatte Rudi zu Beginn dieser Aktion sein nächtliches Kunsthandwerk begonnen.

Vor einer Woche hatte Rudi an jener Stelle noch hinterlassen: „AZ schließen! Erlebnisorientierte Bullen vergeben, wir nie! Euch gehört die Nacht doch uns der Lack!“ Wie sie nun vor dem AZ stehen, Rudi sich an die früheren Parolen erinnert und Georg sich darüber ärgert, nicht achtsam gewesen zu sein, biegt der Streifenwagen erneut um die Ecke.

Sie bemerken ihn jedoch erst, als das Blaulicht das Mauerwerk färbt. Ihnen wird über die Lautsprecheranlage mitgeteilt, sie sollen sich nicht von der Stelle rühren, denn sie seien festgenommen. Scheiße, durchzuckt es Rudi. Und eine zweite Streife schießt um die andere Ecke und stoppt mit quietschenden Reifen direkt neben ihnen.

Verdammte Scheiße, denkt Rudi und hebt die Arme. Georg fällt seine Farbdose aus den Händen. Nun dürften uns die Kollegen ganz schön am Arsch haben, glaubt Rudi.

(C) Michael Klarmann, März/April 2016 (Inspiration)